Archiv für den Monat: Mai 2013

3. Mai 2013

Das Wetter, wann endlich götterdämmert’s!

Über den Umweg der Analyse von Facebook-Plaudereien wurde herausgefunden, nach „Erstellen präziser Kurven“, daß der Mensch „vorhersagbar wie ein Elementarteilchen“ ist. Das sagt Stephen Wolfram, der Teilchenphysiker, der die „Wolfram-Suchmaschine“ erfunden hat, „das Genie [das] seine Rechenwerkzeuge auf Facebook angesetzt“ hat (Spiegel online). Der Mensch wird durch diese präzise Aussage nach langen Jahrhunderten der wissenschaftlichen Zersetzung seines einheitlichen Weltbildes wieder ins halbwegs rechte Licht gerückt, er bleibt zwar nur ein Teilchen, aber er wird immerhin „elementar“. Der sinnsuchende und der moderne, also der religiöse Mensch haben an der Wissenschaft stets beklagt, daß sie ihnen die geistige Welt zerbröselt. Der moderne westliche Mensch sucht seine Mitte nun in der Ganzheit, in der Spiritualität, in Trommelkursen und in Sortimenten von Wohlfühltees (Innere Ruhe, Magenwohl, Glücksmomente, Gönn Dir den fünften Urlaub). Die Wissenschaft ist Mitschuld an der Viel-zu-Vielfalt, sie verschießt den seelischen Mittelpunkt immer weiter hinaus in dunkle Materie, und läßt uns alleine mit geldgierigen Mitmenschen, Börsenzockern, Umweltzerstörern, Waffenhändlern, verrückten Wissenschaftlern, Videoüberwachern und allzumenschlichen Politikern und sofort. Die Erkenntnis unserer elementaren Berechenbarkeit wird nicht nur die Personalisierungsfreunde anspornen zu persönlicheren Anredeformen,bild: sie kann den im Weltall Verlorenen und in der Vielfalt Verirrten wieder nah heran ans Zentrum bringen, fast von Du zu Du mit dem metaphysischen Kern, dem wahren Eigentlichen, dem eigentlich Wahren, zum Scheitelpunkt, an dem sich die reine Information (über unser Verhalten) mit der körperlichen Existenz (im Elementarteilchen) die ungewaschenen Hände reichen.

Für mich war diese Untersuchung von soziologischer Bedeutung: Ich habe herausgefunden, daß ich zu der Gruppe von Menschen gehöre, zu der ich mich seit einiger Zeit rechne: zu den älteren Menschen (aber die noch älteren Menschen lachen mich aus). „… alle reden mehr und mehr über das Wetter, je älter sie werden“, ist ein Ergebnis der Untersuchung. Zunehmend rede ich mehr und mehr vom Wetter, und das nicht nur, wenn es keinen anderen Gesprächsstoff zum Kauen gibt – nichts hat mehr richtigen Biß, die Zähne werden auch nicht besser! Ich lasse die Rollos herab, bild: um das graue Licht und das graue Wetter nicht hereinzulassen – aber da kommt es mir im Gespräch wieder heraus: nur Klagen habe ich anzubringen über den Gott des Wetters – man versteht mich gut. Die Zahl der Leidenden wächst. Während offensichtlich, laut Untersuchung, Hundertausende sterben, weil sie sich zu viel Salz in die Suppe tun, (und diese Verköstigung kostet) bild: da sie sich nicht selbst bekochen sondern bekaufen, oder sich täglich „übersäuern“ mit vergiftenden Gedanken, gehe ich seelisch ein, weil auch zu allem äußerlichen Grau noch mein Bildschirmhintergrund grau ist. „Das Wetter ist ein Unding!“ heuer, könnte man es zusammenfassen, aber das Wetter ist weder ein Ding noch ein Wesen.

Später öffne ich das Fenster wieder und mache ein Foto eines Regenbogens, der gibt meiner Seite des Himmels ein wenig Farbe zurück. Weil das Malen an bunten Bildern, was ich mir vor Jahren zur Berufung gemacht habe, immer Pause und Abwechslung benötigt, setze ich mich vor den Bildschirm und manipuliere das Foto, das mir so betrachtet langweilig erscheint. Ich gebe mehr Kontrast, verändere die Farben nach meinem Geschmack, das Gefühl für einfache Dramaturgie verleitet mich und peppt mich selbst auf.

Das [Un]wetter, das gerade am Ausklang ist, wird jetzt erst zu einem; ich hatte es gar nicht vernommen, nun sehe ich es vor mir. Auf den ersten Eindruck ist das ein schönes Unwetter! Ich sollte mich wieder in den Fensterrahmen setzen und öfters hinaussehen, wenn’s regnet und Wotans wilde Wetter dräuen. bild:

Das Wetter, das anhaltend graue Wetter hat mich heute morgen also lediglich dazu gebracht, an einem Foto herumzubasteln, während ich aber gleichzeitig über Wagner, deeen Wagner, nachdachte, bild:
bild: unser diesjähriges deutsches Kulturgroßereignis. Es gingen mir nicht nur meine eigenen Gedanken dazu durch den Kopf, sondern auch fremde, die mir weiterverbreitenswert erscheinen. Man hatte schon eine Mailkorrespondenz über Wagner mit mir angezettelt. Alte wunderliche Gedanken und gedankliche Wunden, die bis zur Schulzeit zurückreichen, wurden wieder angerissen. Mein jugendliches Herzblut rinnt nur noch dünn; und die zarten Saiten klappern.

Das staatliche Fernsehen nimmt zur 200sten Verjährung von Wagners Geburtstag seinen Bildungsauftrag wahr und bringt uns Bürgern, dem Volk der Dichter und Denker, (man kann’s nicht mehr hören/lesen, aber es muß hier her!) eines unserer größten Genies nahe. Ein Freund schickte mir einen Zeitungsausschnitt über das mediale Ereignis, mit dem Vermerk, daß wir uns gemeinsam davon etwas ansehen könnten.

Im April führten uns an vier Abenden Wagner-Kenner Elke Heidenreich, Christian Thielemann und der Pianist Stefan Mikisch und andere Bekennende mehr, in die Faszination ein, die sie in Wagners Tetralogie, schlichter einfach nur »Der Ring« genannt, hinein verbannte. Ich habe 15 Minuten davon verköstigt – ich bemerkte bald am eigenen Körper wie Übersäuerung sich anfühlen kann. Alles weitere an Sendungen habe ich versäumt, oder werde ich versäumen; aufzählenswert ist es mir doch, denn es zeigt einen Teil der „Kulturlandschaft“ des Fernsehens, einige grüne Hügel, auf denen das Gras fein säuberlich geschnitten wird; Hügel, die üppig begossen werden, damit sich kaum ein Flecken braun zeigt, wenn die Sonne einmal unser Land beglücken wird.

Auf den Vierteiler zur Tetralogie folgte ein Zweiteiler, „Wahnfried“, über den „Mythos und Alltag“ des Ehepaars Richard und Cosima Wagner. Was haben die beiden wohl so besprochen? Wie man im Alltag lebt und der Nachwelt sein Leben als Mythos andreht? Wie man mit dem Größenwahn seinen Frieden macht? Man sollte nicht fernsehen sondern sich einlesen in einer Leseprobe auf Perlentaucher; vom Mythos bleibt da nur der Mythos: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Es folgte „Hitler und der Wagner-Clan“. Man erwartet sich einen „kritischen“ Ton, etwas Knirrrrschendes – das Wort Clan ist ja schon ungut! Aber laut Inhaltsangabe geht es darum, zu zeigen, wie sich der damalige Clan, Winifried Wagner, sogar gegen Hitler durchsetzte (! noch mächtiger als der !), und den homosexuellen Startenor Max Lorenz vor der Internierung im KZ bewahrte. Das muß man auch einmal sagen, nicht immer nur die „Verstrickungen“ mit engen Banden und Bandagen. Alles halb so schlimm, und weniger als halb so wild – wir haben es mit dem »Bildungsauftrag« zu tun – nicht vergessen. Auch positiver Stolz auf urdeutsches Gedankengut muß in brave Bilder projiziert werden – da muß man den Rechtsverdrehten nachbarschaftlich entgegen kommen – die Arme ausgebreitet: Sind doch alles Menschen. — Wer sollte gerade daran Zweifel haben.

Das leidlich Unwürdige wird dann angegangen mit „Wagner & me“, eine Dokumentation von Stephen Frys: „… warum er als Jude so eine Affinität zu Wagner hat“, heißt es da. Botschaft: so schlimm kann’s nicht sein, ist ja selbst ein Jude begeistert von Mime, Kundry, Beckmesser und Wotan, Gutrune, Grimgerde, Gramholde und „Die Mannen“. So geht man verdrückt, und meint es sei elegant, um das Thema, das Wagner so groß schreibt wie später nur noch ausführende Organe: Antisemitismus (man muß es ganz klein schreiben in diesem Wagnerjahr, nur 6 oder 7 Punkt).

Zu Wort kommen im WagnerTV Bewunderer und solche, die auch mal kritisch waren, aber sich irgendwann doch vom Orchesterklang zuschütten ließen. Bewunderer sind immer die besten. Sie winken uns von Wagners Schlapphut herab, von wo man eine gute Sicht auf alle Künste zusammen hat, denn nichts weniger vereint das Genie Wagner. Sie erklären uns die einfältigsten, gröbsten und unbeweglichsten Charaktere zu großen Tragöden, in denen alle großen modernen Lebenskonflikte angesprochen würden (Umgang der Eliten mit Unseren Ressourcen, Demokratieverdrossenheit, Kaufberauschung bei Billigheimern, Aufforderungen zur Jagd bild: und vor allem: Mülltrennung: schwarz zu schwarz, weiß zu weiß, gut ist gut, böseböse).

Muß man etwas über Wagner wissen? Wenn man ein bißchen besser bescheid wissen will über deutschen Antisemitismus und seine Entwicklung in der neueren Zeit ist Wagner ein guter böser Anfang. Daneben kann man dann auch noch die Musik als Hintergrund laufen lassen. Man kann sie sich auch anhören, vielleicht dirigiert von Loriot, doch am Besten ist der »Ring ohne Worte«, der eingedampfte Wagner auf eine Stunde großartiger Instrumentalmusik, eine sinfonische Dichtung ohne Mythos. Den wagnerschen Gralshütern allerdings wird dann nichts bleiben, wo sie tiefgründeln können – man muß da nicht so lange im Seichten waten und warten, bis endlich, wenn man übermüdet ist, die erfrischende aber schwüle Rauschwelle über einen schwappt und die Ödnis des Verstandes hinwegspült.

Vor dem Fenster ist es immer noch grau, die Rollos bleiben zu! Aber die Welt habe ich mir noch einmal verändert.

Was hat das mit Wagner zu tun? Der eine schwindelt mehr, der andere noch mehr – und irgendwann, wenn man sich selbst vergißt, betrügt man sich. Es kommt die Menge, die sich betrügen lassen will, dann ganz von selbst dazu.

Meine Antennen bleiben ausgefahren, füsisch und metafüsisch:

Zum Weiterlesen noch einmal empfohlen: Matthias Küntzel: Wagner war Avantgarde, als Musiker und Antisemit

Gottfried Wagner: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Auch: Thomas Mann: Leiden und Größe Richard Wagners.

Theodor W. Adorno: Versuch über Wagner.

Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem und Nietzsche contra Wagner, Aktenstücke eines Psychologen.