30. Juni 2013

Dokument 12 – Zweiter Ereignisfeldzug

I

Liebe Freunde der Kakophonie,

aus vollem Orchester und mit ganzer Dröhnung verfing sich mein Tag, mein schönster Tag in einem Ich und fing zu verglühen an.

(Sternchen vor den Augen im Andromeda-Nebel.)

Von mir: nichts mehr.

Vor mir: nichts mehr.

Hinter mir: nichts mehr. Und nichts weniger.

Enttäuschung stand im warmen Regen auf einem Bein.

Tränen wurden zu Zähren und großen jugendlichen Gefühlen – ich war: betrogen von Anfang an.

Ich begann die Wanderung durch Gütesiegel und klare Herkunftsetikettierungen gegen Unrechtsstaaten.

Von Schurken kaufe ich nichts!

Es war in der Gesellschaft angekommen: ein positiv bewegtes Bild von erstaunlich gründlicher Ganzheitlichkeit, mit klarem Beuteschema und zweideutigen Aussagen.

Eine Hintertür für Hinterhältigkeit und Diffamierung bleibt immer offen.

Von Schurken kaufe ich nichts!

Die gute Verdauuung ist mein Heiligtum. Mein Darm bin ich.

Willkommen in der Krise. Meine gesunde Haut sprach einstmals Bände.

 

Ich lauschte einer reformierten Predigt in Rein- oder Reimform.

Man bedankte sich mit persönlichen Ratschlägen zum Umgang mit Minderheiten und Wohlstandsrandgruppen.

Der Schnuppernachmittag in der Gemeinde im Kletterwald verging, man konnte sagen: er lief, auf Harmonie hinaus.

 

Als rätselhafter Patient trat ich wieder aus der Öffentlichkeit hervor,

mein Gesundheitscredo: Ich will krank sein und will Power-Näpping.

 

Zaghaft, kleinlaut, ratlos und zerknirscht schmolz der Asphalt in den Betonköpfen:

Darauf war ich zurecht stolz, denn ich war der Stein des Anstoßes dazu gewesen.

Anspruch und Wirklichkeit allerdings trippelten gegeneinander ein spannungsloses Match.

Mein gelobtes Bauchgefühl hing über den Gurt.

 

Mit Bescheidenheit kommen Chefs nicht weit. Meinen Bescheidenheitsberater schickte ich in die Wüste, dort wollte er mich lehren,

Mores, sagte er, Moneten wollte er.

Schick deinen Sicherheitsberater in die Wüste, er ist ein Verräter, riet man mir.

Was sich die Leute erlauben!

 

II

Ich wußte so genau noch nicht, wie ich die Saison vergessen sollte, aber es wurde mir empfohlen, Wochen voller Frust noch einmal zu überschauen, mich in meinem Elend zu suhlen, dann wieder aufstehen und mich schütteln.

Nie auf dem Podest war nicht mein Schicksal, ich nahm es nicht an – mit dem linken Fuß aufstehen, das schon eher.

Sommergewitter wüten über dem Land, in dem ich angeblich überglücklich bin.

Ein Doppelerfolg von Taifun und Tornado.

Eine zarte Beschwerde reichte da nicht, ich reichte einen saftigen Brief beim Vaterlandsverein ein,

mit Dornen an handgeflochtenen Rosenschleifchen.

Solche Kaltschnäuzigkeit war gesucht und bei mir wurde sie gefunden. Ich konnte mir den Mund damit abwischen.

Und wenn ich wissen wollte, was ich da gerade sagte, blätterte ich um und vertiefte mich.

Was Londoner über Olympia denken? Bayerns Berge – wer schafft es bis ganz nach oben?

Willkommen in der Krise, Madame Non.

 

Kennen Sie die Fallstricke der deutschen Sprache, Madame Non?

Kannte ich Malta?

Wie gut kennen Sie die Türkei?

Können Sie Logik? Welcher Anlagentyp sind Sie? Können Sie Chef?

Habe ich Angst vorm Schwarzen Loch? Was trägt der Demonstrant von heute morgen?

Eine Lektion in Sanftmut erteilte mir das Lesen, ein Ausraster war unerwünscht, ich mußte mich am Zaun halten,

mein Haus wurde zu klein,

mein Garten sprengte das Übermaß.

Ich hatte mit widerwärtigsten Einfällen zu kämpfen –

die Fülle brachte sie an den Tag.

Kritische Stimmungsmache gab es zur Panik und zur Panikmache über die Tigermücken-Gefahr, alles bombastisch aufgeblüht,

Enten, nichts als Enten, endlos Enten.

 

Ein Streifzug durchs Kauderwelsch zeigte mir bedeutende Wissenslücken.

Wie gut kennen Sie den Neandertaler?

Wie finde ich das Sahne-Bonbon unter den Jobs?

Wie lange hält Portugal stand?

Haben Sie Kultur?

Welcher Grill passt zu mir? Kugelgrill oder Schwenkgrill? Elektrobruzzler oder Smoker?

Können Sie Bundespräsident, Herr Präsident?

 

Urlaub mach ich jetzt Zuhause im Jetset, am besten mit einem Ochsenherzen am rechten Fleck.

 

III

Sag ihnen nur ruhig die Wahrheit, ja sag sie Erstens.

Zweitens nimm das Gran Wahrheit aufs Korn, aber nicht unter der Lupe! heißt mein oberstes Gebot.

Im Forensport war ich beliebt mit trolligen Wortmeldungen:

Rettet den Troll!

schrieb ich auf vielen Seiten, rettet den Troll! Und schrieb weiter und weiter:

Der unglaubliche Irrtum über Pommes forderte Aufklärung und keine kleinen Opfer.

Muß nicht wahr sein, kann Theorie sein.

Alles gleiche sich wie ein Ei dem anderen, sagen sie einem, aber

bei noch genauerer Betrachtung gleicht ein Ei nur ungefähr dem andern.

Begann ich mal zu dirigieren, folgten mir beste Orchester zu ausgedehnten Höhenflügen,

das Publikum schmatzte vor Vergnügen im Eiltempo, ja im Sauseschritt überkam Verzückung die verladenen Gäste.

Am Ende des Abends lumpelte ich herum, und verunsicherte Menschen aller Farben und Schuhgrößen.

Keine Zeit, sagte ich, bin in Urlaub, mein neuester Gruß.

Ich bin jetzt im Haus der duftenden Hügel, weg vom hektischen Peking.

 

Es war der letzte rassisistisch motivierte Mord, schrieb der Korrespondent aus dem Nachbarort.

Totenstille in 600 Diskotheken war schwer zu ertragen.

Mann bietet verblüffendes Schauspiel am Himmel, als er ruderte und ruderte, aber kein heldenhaftes Wort herausbrachte.

Man muß sein Herz über die Hürde werfen, um es für Opferbereitschaft und Entschlußkraft herzugeben. Nur Mut!

 

Allesamt wurden namentlich genannt und vom Podium aus zu ihrem leichten Hie- und Dasein Glück bewünscht.

Man flüsterte dem Redner durch die Blume bessere Worte zu.

Die Wahrheit aber: sie erschien strahlend im Licht.

Es ging um viel, um nichts geringeres als um das Alles und die Erhaltung des Standes der Dinge auf seinem allerallerhöxtn Niewo.

Lang ist’s her, da war’s noch gut; keine güldnen Zeiten im Hans-Sag’s-Theater.

 

IV

Eines nächsten Tages, ich wußte nicht mehr, was ich vergessen hatte, ging ich aufs Erdbeerfeld, um für frischen leckeren Erdbeerkäse die unumgänglichen Zutaten einzusammeln, und auch um mit anderen Sammlern ins leidenschaftliche Gespräch zu kommen. Erfahrungen Austauschen und Yoga und Tschi Gong Praxis an ausgesuchten Stränden in Indien oder Malaysien oder im Hochgebirge – das ist für mich längst nicht mehr das Wichtigste. Wichtiger ist: Ich bin gegen das Vergessen, und doch, wußte ich nicht mehr, was Vergessen war. Einen solchen Witz wollte ich nicht selbst gelebt haben, aber schon war’s passiert. Federleichte aparte Mini-Tasche in Vogelform flatterte ein wenig vor meinen Augen, und plumpste schließlich auf Lippenstift, Kreditkarte, Hausschlüssel.

Virtualisierung nahm ich aus erster Hand, ein Überzeuger brachte mir die Vorteile bei, bevor er sich verdünnisierte aus der Fläche.

Noch geht es, aber wie lange geht es noch?

Mein Geheimdienstchef arbeitete zu lange Zeit in zu dünner Luft. Dann sprang er vom Achter-Gipfel auf den runden Tisch und servierte sich ab.

Zu faul zum Sprechen? Konnte ihm keiner vorwerfen.

Zum Ausdünnen der Fakten in den Akten, dazu brauchte er keinen Kamm und keinen Langfinger.

Es erlegt sich, sagte ich, wie von selbst.

Die Waffenlobby im ultraleichten Köfferchen, ohne Sicherheitsverwahrung, doppelter Einlage und Patent-Schloß, die Waffenlobby reist mit und sorgt für Anschlußverwendung.

Keine peinliche Sache, kein Vorwurf, nur leere Worte und gefüllte Kassen.

Neuer Tag, neue Milliarde.

 

Der Kracher am Abend: Wolf, Wisent und Wildkatze eroberten sich das Land zurück.

Und im enger werdenden Luftraum: feiern die Seeadler ein Kammbäck.

Alles in einem: Die Rückkehr der Wilden und die Fallstricke des Alltags: Wie viel Dankbarkeit muss man zeigen und wie wie lange noch!

 

Arg Gebeutelt ist nun Schluß mit und ohne Lustig. Das Leben flog mir um die Ohren, in einem Aufwusch!

Jubel bei den Gottesteilchen-Suchern wurde mit einer Blasphemie-Klage unterbunden.

Es war ihnen nicht zu helfen auf dieser Welt.

Gut für uns!

Denn Kümmerer sind rar geworden.

Wenig Schlaf, viel Leidenschaft, immer mehr Modefotografen verlebten ihre rastlosen restlichen Tage im Dauerstreß.

Der Unterrockforscher mit Damenbart war ihr schönstes Abbild.

 

… Ich habe mich vergallopiert in Polarlichtern.

Das alles kam aus meinem Datenleck, gedankenunterlaufen.

 

Vom Verräter kam die Hiobsbotschaft über uns.

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