Archiv für den Monat: Juli 2013

26. Juli 2013

Seisdrum

Im südbayrischen Raum vermute ich das Zuhause einer Formel, die man anderswo gewiß auch hören kann, die aber durch den dort gesprochenen Dialekt nirgendwo auf dieser Welt so sehr Ausdruck ist des vergeblichen Kampfes aller Bemühungen gegen den Lauf des Lebens und des Sich-Dreinfinden-Müssens. Es ist ja schließlich mein eigener Dialekt, und ich weiß deshalb wovon ich rede, und was dahinter steckt. Das ist so. Und so lautet er:
Es ist wie’s ist!

Er kürzt umständliches Reden ab, führt das Jammern als großstädtische Zeitverschwendung vor, und sagt: Gut findet man’s nicht – das soll als Auskunft genügen – und: Ändern steht leider jenseits des Denk- und Machbaren! Es führt aber auch Gespräche ins Stocken, wenn man etwas mehr wissen will von seinem Gegenüber.

Man kann den Satz seufzen. Man kann ihn auch befehlen; dann heißt er: Ende der Diskussion!

Sehr oft höre ich ihn. Er fällt nicht beiläufig, sondern kommt fast unweigerlich, wenn es etwas tiefer geht als das gewöhnliche Gespräch, etwa bei der Frage: Wie geht es Dir? An diesem oder jenem ist nichts zu ändern, es ist nunmal wie’s ist.

Es reizt mich darauf etwas zu erwidern, denn der Satz ist so stur und ist die Einleitung zum Themawechsel. Man kann ihn niemandem abgewöhnen. Niemand redet gerne über die Dinge, die nicht zu ändern sind. Gleichzeitig erfährt man in der Folge wenig über genau diese Dinge.

Vergeblich versuche ich selbst mich der Forderung zu widersetzen, an die er mich gemahnt: es einfach sein zu lassen und weiter zu machen, ohne nachzudenken, worin ich gerade stecke, keinen inneren Widerstand zu leisten. Es gäb ja so viel zu ändern, zu verbessern und anzupacken. Aber hat man was geändert, oder: hat sich etwas geändert, dann gilt unumstößlich wieder: es ist wie’s ist. Und das ist nun schon lange so. Man kann auf Erfahrung zurückblicken! Alle Dinge aufzuzählen, die so sind, wie sie sind, wäre der Mühe Wert, um sie vielleicht einmal in den Griff zu bekommen und den Dreh heraus zu haben, auch irgendwann so zu sein wie man ist – wie man wirklich ist: das nächste Wort mit einer großen Forderung: wirklich! Wirklich wahr?

– Wie es auch ist, ob so oder so, oder komplett anders: es wird immer so sein, wie’s sein wird.

– Sei es wie’s sei: Es ist wie’s ist, und wenn’s anders wär, dann wär’s auch wie es ist! Also, sei’s drum!

Vielleicht ist es anders. Und so ist es immer! Es ist immer alles anders (da man nie genau weiß, wie es ist, wie es wirklich ist).

Mal ehrlich – ist das meine Meinung? Meine ehrliche Meinung?

Eine andere Formel, die ich schon lange nicht mehr gehört habe, die schon fast in die Welt des Bayrischen Volkstheaters gehört, und ähnliche Bedeutung hat, jedoch noch tiefer sitzt in der dunklen Behausung des mühseligen Lebens und durch nichts herauszulocken ist, ist die einer Tante aus meiner Kindheit: Sei-duads-wos!

Das will man nicht übersetzen; jeder Lyriker weiß, große Gedichte verlieren in der Übersetzung. Bei der Kahnfahrt ans andere Ufer kann der gesamte Besitz davonschwimmen. In: Sei-duads-wos ist mehr als nur ein ganzes Leben enthalten. Ich seh es vor mir. Es ist bisweilen auch mein eigenes.