6. September 2013

Augendiagnose des Mondkalendariums

In meinem sehr engsten Freundeskreis gibt es mir sehrsehr teure Menschen, die manches in ihrem Leben nach Vorstellungen ausrichten, bei denen mich mein eiskalter, zersetzender Verstand dazu bringt, mich herablassend, verächtlich, überheblich und besserwisselnd zu äußern. Ich fühle mich dann beleidigt, genötigt und gehetzt (in dieser Reihenfolge). Schließlich setze ich mich hin, übe ein Weilchen Gelassenheit anstatt hitziger Diskussion (gebräuchlicher: Debatte) und schreibe im Zorn darüber folgendes:

Ich lasse mir zum Beispiel keine »Augendiagnose« mehr vormachen. Ich habe sie machen lassen, weil ich auf esoterische, heilswirksame Einflüsterungen und Ratschläge dennoch reagiere. Ich habe dafür bezahlt und etwas bekommen. Der Augendiagnostiker – er kennt selbstverständlich noch weitere Diagnose- und Heilmethoden mit aussageschwangeren Namen, sagte mir unverblümt, mein Körper wäre vermüllt, völlig verschleimt und ich solle keine Bananen mehr essen, eine Reinigung von Grund auf wäre nötig und würde alles wieder in Fluß bringen, Energie fände wieder ihren Weg, Blockaden würden abgebaut. Wie recht der Mann doch hatte. Bananen gehören nicht in unsere Kultur.

Die Vermüllung betreffend ist das Besorgniserregende und äußerst extrem Ärgerliche, daß ich damit dem Kenner der feinstofflichen Materie zugleich meine zage Seele zur Schau stelle, indem ich hier meine Vermüllung öffentlich mache. Nichts ist nur äußerlich! Ich dachte mir, vielleicht hilft mir ein befreiendes Bekenntnis, ein Satz wie: Dazu stehe ich (mit Ausrufezeichen). Ich bekenne meine Zweifel an allem & jedem und ich erkenne vor allem die Ironie des Schicksals (ist das ein Gemeinplatz oder nur eine abgedroschene Frase?), daß alles, was ich kritisiere zuerst mich selbst betrifft. Würde ich über atomare Verstrahlung des Grundwassers im Meer der Stille (Pazifik) reden, wäre nicht nur von dieser grob stofflichen Verseuchung die Rede sondern auch von meiner inneren Ruhe – siehe oben bei Augendiagnose. Ein fragwürdiges Analyseverfahren zwar, lediglich mit „hinweisendem Charakter“ wird versichert. Hinweise bin ich jederzeit bereit, anzunehmen und auszuspinnen, das ist Teil meines Denkalltags. Wichtig ist, was hinten rauskommt, nicht, wer untern Tellerrand fällt. Das gilt nur im mathematischen Verfahren nicht: Richtiges Ergebnis / falscher Weg = alles falsch. Daß alles falsch sei, kann nicht richtig sein, aber etwas Wahres dürfte schon daran sein! Volksweistum.

Der Mondkalender ist schon länger von Bedeutung in meinem menschlichen Umfeld. Näher damit beschäftigt hatte er mich bislang nicht. Ich weiß zwar um die Wirkung des Mondes: er zieht gewaltig große träge Wassermassen an und ist Hauptverantwortlicher der Gezeiten, doch so mächtig träge fühle ich mich nicht, daß er mich bewegt, auch wenn ich zu 90% Wasser aus Wasser bestehen sollte. Ich habe weder in einer Regentonne Gezeiten beobachtet noch in einem Wasserglas. Ich glaube daran so kräftig wie an die Wirkung von Pluto, Uranus und Saturn auf mein Leben. Diese zersetzenden Gedanken könnten sich als grober Fehler herausstellen: Hieß es nicht früher, vor Jahrzehnten, „das kümmert mich so viel, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt!“ Wie hat sich das geändert. China ist nach langer Abwesenheit wieder in den Brennpunkt der wirtschaftlichen und spirituellen Welt zurückgekehrt, (nicht nur mit Feng-Shui, das beides gleich angenehmst miteinander verbindet).

Vor einigen Tagen wurde ich zart darauf hingewiesen, daß jetzt Haare waschen nicht günstig wäre – „aber Du glaubst eh nicht dran … “. Ich ließ mich, obwohl des Hinweises auf meine Sturheit, nicht davon abhalten, denn meine Haare wasche ich nicht so oft, daß ich einen günstigen Zeitpunkt auch noch abwarten möchte. Trotzdem habe ich nun den Mondkalender für mich entdeckt; er zeigt mir vor allem, daß mein Leben nicht in so geregelten Bahnen schief läuft wie’s gut für mich ist. Ich spüre es sowohl beim Schreiben als beim Malen, und also am ganzen Tagesablauf. Die Ursache von gelegentlichem Magendrücken, Kopfweh und Unzufriedenheit sind hier zu finden. Diese Unregelmäßigkeit ist der Grund, warum ich nun am Schreibtisch sitze und endlich mal wieder schreibe. Ob es gerade günstig ist? Mondkalender onlein befragen. Da steht:

GESUNDHEIT: AMALGAM ENTFERNEN (Amalgam einsetzen? Wann ist das gut? Eine Woche später?) — ENTSCHLACKUNG — ENTSPANNUNGSÜBUNGEN — FETTABSAUGUNG — LEBERREINIGUNG — LYMPHDRAINAGE — MANDELOPERATION — ÖLZIEHEN / ÖLKUR — OPERATION FÜSSE — OPERATION GESCHLECHTSORGANE — OPERATION HALSREGION — OPERATION HAUT/KNOCHEN — OPERATION HÜFTREGION — OPERATION KOPFREGION — OPERATION OBERSCHENKEL — OPERATION UNTERSCHENKEL — OPERATION VERDAUUNGSORGANE — OPERATIONSTERMIN — PARODONTOSEBEHANDLUNG — SCHÜSSLER-SALZ NR.4 — WARZENBEHANDLUNG — ZAHNFÜLLUNG EINSETZEN — ZAHNIMPLANTAT — ZAHNSPANGE REGULIEREN — ZAHNSTEIN ENTFERNEN

Das Durchlesen ist anstrendend und macht angst. Gesundheit setzen die Mondkräfte und ihre Betreiber hauptsächlich mit Operationen in Verbindung – das erklärt die aufgeregten Nachrichten der letzten Wochen, in denen es hieß, in Deutschlands Kliniken werde zu viel operiert. Schüssler-Salze stehen zwischen Parodontose und Warzen, dort wo sie hingehören, auch ich hätte sie nicht besser platzieren können.

Auf der Suche nach etwas für mich, muß ich weitere Aufzählungen durchlesen:

KÖRPER: AKNEBEHANDLUNG — ANTI-CELLULITE BEHANDLUNG — AUGENBRAUEN ZUPFEN (wenn dann im Laufe der Zeit noch welche vorhanden sind) — BODY SUGARING (noch ein süßes Teilchen!) — ENTSPANNENDES BAD — ENTSPANNUNGSMASSAGE — HAUTTIEFENREINIGUNG — HORNHAUT ENTFERNEN — HÜHNERAUGEN ENTFERNEN — LASERLIFTING — PERMANENT MAKE-UP — SAUNA — SCHUPPEN BEHANDELN — TÄTOWIEREN ARME, SCHULTERN — TÄTOWIEREN: OBERER RÜCKEN — TÄTOWIEREN: UNTERER RÜCKEN — TÄTOWIEREN: UNTERSCHENKEL

ERNÄHRUNG: BLATTPFLANZEN — KOHLENHYDRATE

DIÄT: DIÄT (FORTFÜHREN) — OBSTTAGE / SAFTTAGE (Safttage, ein schönes Wort, ich schreib es in meinen eigenen Duden!)

HAUSHALT: BLUMEN GIESSEN — CHEMISCHE REINIGUNG — ENTKALKEN — ENTRÜMPELN — FENSTER PUTZEN — FLECKENENTFERNUNG — MATRATZEN PFLEGEN — METALLREINIGUNG — PUTZEN — SCHUHPFLEGE — WASCHTAG — WOHNUNGSGESTALTUNG

Nix für meine Situation, in der ich feststecke, nur mühsam von Zeile zu Zeile komme – ich hoffe, ich schreibe nicht umsonst und im schlechtesten aller Augenblicke (Jetzt). Ich lese, was heute besser zu unterlassen ist:

NICHT SO GÜNSTIG HEUTE: TROCKNES HAAR BEHANDELN — ENTHAARUNG — PEELING — HAARE WASCHEN/-PFLEGEN — HAARE SCHNEIDEN / WASCHEN — SONNENBAD / SOLARIUM — BIKINIZONE ENTHAAREN — NAGELPFLEGE — DAUERWELLE

Kein Hinweis aufs Schreiben und auf meine spirituellen Bedürfnisse, überhaupt sehr wenig für mich, für mich als Mann, außer sämtliche Körperregionen tätowieren und Metallreinigung (Blumen gießen! Putzen! Dauerwelle! Safttage!). BIKINIZONE ENTHAAREN ist nicht unter Liebesspiele einzuordnen, das soll frau schon selbst machen, wenn sie es (korrekt es es) für wichtig hält. Dagegen regt OPERATION GESCHLECHTSORGANE meine Phantasie deutlich an: mir ein zweites Organ annähen lassen, links rechts vornehinten? Soll ich es vergrößern lassen, strecken ziehen dehnen? Oder gibt es ein radikal-feministisches Redaktionsmitglied beim Mondkalender, das fordert, das penetrante Teil muß gänzlich wegoperiert werden? Hass als Motiv für guten Rat? Gar nicht auszudenken, aber nicht gänzlich unmöglich.

Und alle Punkte, ich hab sie der Genauigkeit wegen gar nicht alle aufgezählt, wechseln Woche für Woche reihum. Das macht des Mondkalender-Menschens Leben aus.

Momentan unsichtbar, aber auf Nachfrage mit klarer Aussage vorhanden, für alle deren Schönheit nicht optimiert genug ist:
Botox-Behandlung
Botox-Behandlung/en sind günstig in den folgenden Wochen, doch wie günstig sagt der Kalender nicht. Das ist ein anderes Geschäft, vielleicht bei den Werbeeinblendungen zu finden – ich seh das nicht, ich lasse Ad-Blocker die Werbung übrig, für die diese bezahlt werden.

Der Mond-Kalender bleibt der Menschheit erhalten und wird sich ausbreiten. Astrologie, Homöopathie, Anthroposophie, Feng-Shui und weitere Heils-, Hilfs- und Glaubenslehren werden uns auf unabsehbare Zeit weiter darin unterstützen, in geistiger Schonhaltung krumm und ängstlich herumzudenken. – Das will ich einmal gesagt haben, das muß ich einmal sagen. Es ist meine Meinung. Ich steh dazu! Es ist die Kernaussage dieser Predigt, ich habe mich lange herumgedrückt um sie.

Doch Augendiagnose, entgegen meiner Aussage zu Beginn, schätze ich hoch: Sie hat mir geholfen, die Augen wenigstens zu einem Blinseln zu öffnen.
– –
Der Mond ist immer zugegen, selbst wenn er neu ist. Nimmt man sich vor, mal Reis zu essen, ist es am besten montags, egal ob der Mondkalender Safttage vorschreibt oder Biertage, Dinkel, oder, pfui: Weizenmehl! – Es geht um unsere Vitalität, die uns trotz oder gerade wegen unseres unablässigen Gesundheitsbewußtseins beständig abhanden kommt:
Beim Müsli besinnen
Auf Einsichten besinnen, schon beim Montagmorgen-Müsli, um locker in die Arbeitswoche zu starten! Nicht einfach nur essen! Multitasking und Performing zum Wochenanfang, trimm die Darm- und Hirnwindungen.
Welche Kräfte hat der Mond überhaupt? … er wirkt auf alles! Ich habe gelesen – wo war das nur? – er habe vor allem die Kräfte des Wachstums, die Kräfte des Wassers. Die sind positiefenwirksam. Mit dem Mond wachsen wir ins Unendliche. Bis uns ein Hochwasser hinwegschwemmt. Das ist zwar zunächst nicht so prickelnd – man muß es aus höherer Warte nur anders bewerten, von astraler Ebene herab wird es beschaulich!

Für die Botox-Anwenderinnen habe ich diese Zeile zum Abschluß gefunden:
Faltenkiller deformieren Gesicht
Meine ich, daß sich jemand davon abhalten ließe? Zombie- und Vampirfilme sind wahre Straßenfeger. Früher hieß es: »Der Tod und das Mädchen« oder »Die Schöne und das Biest«, und stellte männliche Sexualität als tierisch-entstellt vor. Altmodisch. Jetzt ist die Schöne das Biest und man sieht es gern, weil es nicht einmal mehr kitschig und tiefenpsychologisch sondern botoxisch glatt, faltengekillt-entstellt und in Modisch-bauchnabelfreiem Lukk adrett durch die Szenen läuft.

Daß der Mond keine Wirkung auf mich hat, kann ich allerdings nicht sagen. Wenn ich einmal wieder dazu komme, Geschichten anstatt Kommentare zu meinen Gedanken zu verfassen – ich warte nur den richtigen Zeitpunkt ab – wird es auch Mondgeschichten geben, Geschichten, die ich träume, wenn das Mondlicht direkt in mein Schlafzimmer scheint. Und diese Geschichten sind nicht poetisch-nett, verträumt und freundlich sondern wahrlich grausam. Ich erschrecke über mich und das Licht, das das Mondlicht auf mich wirft. Das Mondlicht macht mich nur bei hellem Verstand ein bißchen romantisch. Wenn es in meinen Traum scheint, dann ist die Gute Nacht vorüber!

Könnte ich doch nur an den Mondkalender und sein Sammelsurium aus wichtigen Dingen glauben! Der Weg zum Glauben ist lang, aber Bornierte finden erst gar nicht hin, sie kriechen auf Abwegen durchs Universum und denken, der Glaube sei lächerlich.

Am Ende habe ich alles umsonst geschrieben, und der Mondkalender ist der Spaß eines würdelosen Satiremagazins und ich bin hereingefallen wie alle Femen-Kritiker auf die gestreute Nachricht, daß natürlich nur ein wahrer Macho hinter den schönen Blank-Busen-Aktivistinnen stecken könne. Dann schreiben die, die’s schon immer gewußt haben. Hier habe ich geschrieben! (Aber Ich ist nur ein Erfindung von mir.)

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