23. November 2013

Als Humorkenner in der Witzfalle

„Eva-Maria aus dem Saarland folgte dem Aufruf und erzählte, wie ein harmloser Facebook-Flirt hässlich endete.“
So begann ein Artikel, den ich nicht zuende las, da ich es nicht mehr ertragen kann, wenn die Schöne auf den Häßlichen trifft. Der Tod und das Mädchen, die Schöne und das Biest, Lady Gaga und die Kunst – nichts mehr für meine Ästhetik. In meinen Notizen steht dazu noch: „Folge 1 der Sommerloch-Serie“, was ja nur von mir selbst stammen kann. Wenn das „Sommerloch“ das Strickmuster aufreißt, wenn alle Politiker in Badelatschen über den Strand watscheln, kein Taifun in Sicht, kein Hoch Ursula mit keinem Tief Herbert ringt, kein Erster Toter vermeldet werden kann, ist das Schreibnotprogramm angeknipst, dann gibt’s Rosamunde-Pilcher-Nachrichten jeden Tag. Die Geschichte von Eva-Maria (wahrscheinlich sogar ein falscher Name!) stand im Artikel: Flirtfalle Facebook. Er kam in meine anschwellende Fallensammlung. Nun ist sie inzwischen so groß geworden, daß ich mein Gewissen befreien muß von den Hirnschlingen und krummen, heimtückischen Gedanken und sie als Gedankenpause präsentiere.

Es ist nicht so lange her, daß ich mir der Fallen in meiner Lesewelt bewußt geworden bin – was sind schon ein paar Jahre, inzwischen. Vielleicht war’s die Stolperfalle Liebesleben, über die ich länger sinnierte, weil ich für einen Moment meinte, sie würde wirklich existieren, oder es war die Stilfalle Schreibtisch, als ich mich bei mir selbst umsah
Cafe Sprüngli
und nach Deckung zwischen persönlicher und beschriebener Wirklichkeit suchte.

Wer in eine Falle tappt, ist nicht immer Opfer, oder glaubt jemand Kapitalismus wäre ein Opfer? Die »ZEIT« schrieb im Wirtschaftsteil über Kapitalismus in der Reichtumsfalle. Dieser Titel legt viele Interpretationen nahe – kurze Gedankenpause. Gehen wir weiter:

SPD in der Sarrazin-Falle – wer weiß noch, wie sich die SPD da heraus gewunden hat, ob überhaupt; wer kann sicher sein, ob die SPD noch Hand und Fuß hat, ob sie nur noch ein Torso ist? Eine Wirkung muß die Falle doch gehabt haben – die SPD-Zunge jedenfalls kann wieder gut reden und versprechen und sogar, wie man liest, verhandeln und fordern. Dabei ist sie an einen Partner gelangt, der gefährlich, weil fallenerprobt, ist: SPD in der Merkel-Falle. Skeptische, kritische Journalisten fragten kurz nach der Wahl im September: Wer geht in die Merkel-Falle? Es sieht nach der SPD aus, die die Stelle der blutentleerten FDP an Merkels Seite antreten möchte.

Das Merkel ist in der Tat sehr sehr fallenerprobt. Es stellt Fallen, wie wir gelesen haben, aber es wird alle paar Wochen selbst von einer gezwickt. Kurze Zeit befand sich das Merkel in der NSA-Falle. Die abgeschnorchelten Bürger warteten Monate vergebens auf ein schmächtiges Kanzlerwörtchen, durch einen Sprecher ließ es erklären, die Affäre wäre beendet, so einfach geht das für uns Ameisenmenschen.
Niemand wird abgehorcht, wir haben das schriftlich
Aber dann, als irgendjemand in die Öffentlichkeit whiselte, daß ES selbst, auf ihrem eigenen Handy, abgehorcht würde, vom Amerikanischen und vom Britischen Geheimdienst, war die Merkel-Empörung groß, ja schlug Wellen durchs ganze Nachrichtenland: Das gehe nicht, das gehe gar nicht, nein, das gehe schon gar nicht, ließ das Merkel verlauten, unter Freunden gehe Abhorchen schon gar nicht. Verärgerung in der Stimme, beinahe schon echtes Gefühl. Es befürchten also auch schon ausländische Freunde, daß das Merkel durchaus gefährlich nicht nur dem eigenen Land, sondern auch befreundeten Ländern sein kann. Als Bürger unter merkelscher Obhut sollte man endlich einmal aufhorchen und nachprüfen, was das Merkel und ihre Mannschaft denn wirklich tut, wenn es öffentlich etwas sagt. Millionen mündige und unmündige Bürger abhorchen: kein Problem. Das Merkel abhorchen sollte kaum jemandes Befindlichkeit treffen, es sollte unsere Pflicht sein! (Wenn nicht Abhorchen, so doch Hinhören).

Das Merkel trägt keinerlei Blessuren, Schrammen oder sonstige Verwundungen von all den Fallen, in die es geht, in denen es steckt, die ihr drohen. Um mit unserer grauen Eminenz nicht gleich einen ganzen Artikel zu verplempern, noch eine Auswahl an Merkel-Fallen, bevor wir nach Skurrilerem Ausschau halten:

Merkel in der Schengen-FalleMerkel steckt in der Maut-FalleMerkel steckt in der Griechenland-FalleMerkel droht die Euro-FalleMerkel in der Nachkauf-Falle. Und die SPD war es, die in ihrem Heimatblatt online verkündete: Merkel treibt Frauen in die Mini-Job-Falle (eine Falle, die noch vom guten alten Schröder aufgestellt worden ist. Die SPD kommt aus der Schröderfalle gar nicht mehr heraus, sie schrumpft und schrumpft sich gesund bis mager).

Ein Kulturmagazin hat es am schlichtesten, mit etwas Mitleiden, gefaßt: Merkel in der Falle. Es drängt sich die Vermutung auf, daß all diese Merkel-Fallen, salopp ausgedrückt, nur Betten sind, in denen es sich räkelt und döst. Die Falle, das ist bei Merkel Zuhause, und insofern könnte es sich bei dem Artikel Merkel in der Falle um aufregend politische Stellungs-Geschichten aus dem Schlafzimmer der mächtigsten Frau der Welt handeln: Merkel in der Lobbyismus-Falle – da will sie gar nicht raus, denn es ist keine Falle mit Stricken oder Eisen, sondern eine gesteppt mit Daunen. Unwahrscheinlich dagegen, daß man das Merkel in der Transparenzfalle sichten wird. Transparenz macht unsichtbar und nicht, wie ihre Wähler glauben: sichtbar.

Googeln oder Bing!en Sie, so lange Sie noch wollen, selbst nach „Merkel + Falle“, bevor dieses Begriffepaar auf Grund der nun verkündeten Säuberungsaktionen dieser Monopol- und Zensur-Giganten
 
Google und Microsoft säubern die Welt
gelöscht wird, bevor Ihre Nachfrage ohne jede Nachfrage in einer Geheimdienstdatei mit Ihrem Namen abgespeichert wird; fragen Sie nicht zu oft nach Merkelwürdigem, es wird vermerkt und wird gegen Sie verwendet werden.

Googelten Sie am Anfang des Jahres etwa nach Cohn-Bendit, bekamen Sie den Vorschlag »Kinderschänder« an erster Stelle. (Politische Gegner waren hoch erfreut!). Kennen Sie noch Bettina Wulff? Escortdame oder einst Erste Frau im Staate? Google gibt die am häufigsten kombinierten Vorschläge der Benutzer an erster Stelle — Das Gerücht ist eben unser zuverlässigster und schnellster Meinungsbildner!
100.000 schmutzige Begriffe werden entsorgt
100.000 Suchbegriffe (auf der Basis eines Grundbegriffes) werden nach perversen Zusammenhängen und Kombinationsmöglichkeiten durchgeforstet auf einen Index gesetzt – aber schauen Sie besser nicht nach, welche Begriffe das sind, Sie machen sich verdächtig, kombinieren Sie nicht; es wird für Sie kombiniert, ein unsichtbarer Schleim bleibt an Ihnen haften, ein Geruch, der in der Ferne sehr wohl erspürt wird.

Merkel in der Atomfalle, Atomboss in der Strategiefalle das sagt schon, daß es um nichts Wichtigeres als um Blablabla-Volltext für uns geht.

Das Magazin »FOCUS« (Fakten-Fakten-Fakten) hat sinkende Verkaufszahlen, womöglich steckt es In der Fakten-Falle. Vor einigen Tagen wurde ein Ferrari vor einer Parteizentrale der Grünen gesichtet – was ergibt das? Die Grünen in der Ferrari-Falle.

Grüne waren schon in der Zombie-Falle. Ob damit respektlos ein paar Junge Fischer oder Trittin meinten? Während die Piraten in der Glaubwürdigkeits-Falle sich heillos verzankten, hört man von Google, CDU/CSU, die auch schon drin gesehen wurden, nichts dergleichen. Die können machen, was sie wollen; man denkt, sie seien „alternativlos“. Google-Chef Eric Schmidt kündigt sogar für die nächsten zehn Jahre das Ende aller Zensur an und man glaubt ihm. Keine Falle, keine Finte, Wirklichkeit wird sein, wenn alles über Google-Software läuft und mit Microsoft Word schreibt und alles, wirklich alles, was man an privaten Daten erzeugt, nur noch in der Cloud und nicht mehr Zuhause gespeichert werden kann.

Da gibt Die teure Traumfrau-Falle immerhin noch ein schönes Bild ab. Zinsfalle (Commerzbank lässt Studenten in Zinsfalle laufen), Wohlstandsfalle (Kind), Fettfalle (Apfeltyp), Sexfalle (gedankenverlassene Männer), Die Braune Falle (geistloses Gewäsch), Teig-Falle, Armutsfalle, Chef-Falle, Flirtfalle (Weihnachtsfeier) Handy-Falle, Reiz-Reaktions-Falle, Virtuosenfalle und Lebenslang in der Rürup-Falle, das sollte genügen, um dem Unvorstellbaren einen klangvollen Namen zu geben. Gut, daß wir gewarnt werden, wenn wir aufmerksam lesen. Lernen können wir aus all den Nachrichten natürlich nichts, weil wir’s gar nicht wollen – was wäre das Leben, wenn wir uns nicht einfach mal fallen lassen könnten?

Wer festen Willens ist, sucht sich die Wiedergeburtsfalle als Rettungsanker aus – unerträglichste Zustände sind jedes Menschen persönlichster Fehler! Wenn wir zu viel suchen, laufen wir in die Sinnfalle – ohne zusammengereimten Sinn halten wir es schwer aus, (Abschlußwort:) in dieser Welt voller Fallen.
Die Menschheit steckt in der Menschenrechtsfalle (man muß sie abschaffen).

Von der Sinnfalle, der Wiedergeburtsfalle und der Menschenrechtsfalle dürften Sie erstmals hier gelesen haben; Gedankenpausen geben einem so etwas ein.

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