13. April 2014

Berlin, vielleicht

Als ich das erste Mal Berlin besuchte, hatte man mir empfohlen, eines der Stadtmagazine gleich am ersten Kiosk zu kaufen, um all die kulturellen Angebote, die in einer solchen Großstadt auf einen warten, durchzustudieren und auszuwählen. Das Angebot ist immer so überragend, daß man als ganzer Mensch die Pflicht hat, es im bescheidenen kleinen Teil zu überblicken und wahrzunehmen. Das Versäumte nachholen kann man in der Provinz nicht mehr, die ist außerhalb der Stadtgrenzen Berlins überall, und hört erst wieder vor Paris/London auf.
Berlin, ein Nest
Nun kaufe ich mir seither zuallererst so kleingedruckte Information, daß ich inzwischen glaube, das Kleingedruckte gehöre nicht nur in Miet- und sonstige Verträge, sondern auch zur Subkultur der Stadtmagazine. Noch bevor ich herausfand, daß ich für das kulturelle Mega-Ereignis dieses Jahres (»Ein Kran hebt tonnenschwere Werke in den Gropius-Bau«) zu früh angekommen war, befand ich mich schon in der »Coolness-Debatte«, die in New York angestoßen (»Berlin is over«), die Berliner beschäftigt, die sich mit so etwas beschäftigen. Da wurde ich schon auf der Titelseite belehrt, daß das Wort Cool nun doch wieder cool ist; ich hielt es für aut.

Coolness

Zur Berliner Coolness-Debatte gehört die »Gentrifizierung«. Alleine die Anwesenheit des Wortes »Gentrifizierung« zeigt, wie heip Berlin ist, zeigt, daß diese Stadt wächst, gedeiht und prosperiert und verdrängt.

Menschen wie ich, die manche Künstler nennen, sind Mitverantwortliche der Gentrifizierung alter Stadtteile, hat man mir neulich in familiärem Kreis gesagt. Kurz erklärt: Es beginnt mit jungen Künstlern, die in die Großstadt ziehen, in billige Viertel, weil sie zu wenig Geld haben, um gleich in Nobelviertel ihre Galerie aufzumachen; ihnen folgen Kunstinteressierte und Studenten; daraus keimt wie ein Sauerteig eine Szene (meist ist sie »lebendig«); neue Geschäfte folgen, Cafés & Kneipen; Geld strömt in den Kiez, Graffitis verschwinden, Karottenhosen kommen, Haustüren werden gestrichen; Wohnblocks mutieren zu begehrten Immobilien – das ist das Ende für die Künstler im Viertel. Gebätschelorte Studenten ergreifen, wenn sie können, Mode-Berufe, verdienen ordentlich Pimpes [**] zum Ererbten hinzu, kaufen sich 2-, 3-, 4-Zimmerwohnungen, und behängen weiße Wände hoffentlich ordentlich voll mit Kunst. Am Ende hat die Kunst erreicht, was sie sein soll: Hip-itätisch. Künstler, die immer noch kein Geld haben, sind bereits in andere arme Wohngegenden verzogen, um dort mit ihrer eigentlichen Arbeit, Perspektiven zu öffnen, Gentrifizierung vorzubereiten und anzupacken.

Gentrifizieren und darüber zu reden ist wichtiger Bestandteil einer sich selbst sehr bewußten Coolness, die zu ausführlichen Debatten über die Dekoration des eigenen Ichs führt; das ist ein alle paar Jahre wiederkehrender Vorgang, er heißt »Schweinezyklus«.

Berlin debattiert nähere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seiner Hype- und Coolness.

Gehyptes Berlin

Das Resümee läßt sich kurz ziehen, eine »Lesebühnenautorin« faßt es prägnant:

Fuck, das waren Zeiten
Man sollte jetzt nach Chemnitz, Leipzig oder nach Görlitz, da seien die Mieten noch billig, da gäb’s auch schon ein Poetry Slam und Club-Mate – was wollte man sonst dort! Ernst gemeint sind diese Statements oder sind es Meinungen? nicht, da bleibt die Szene sich treu, der Wahlberliner liebt Berlin und verdrängt sanft, mit Kultur und Kunst demnächst die alten Moabiter, wenn ihm Friedrichshain zu gesellig geworden ist.

Daß all das nicht nur Geschreibsel ist, das ich gelesen habe, bevor ich ins Getümmel fuhr, erfuhr ich dann im Getümmel. Die Hipster, die als barttragend (1,37cm lang), karottenhosig und bebrillt beschrieben werden, sah ich dann in persona grata. Der Blick schärft sich auch bei näherem Hinsehen nicht, kleine Unterschiede fallen aber ins Gewicht. Das Modebewußtsein ist: bewußt unmodisch gedresste Erscheinung. Natürlich findet man das in meinem Alter (55-75) lustig. Die Brille alleine macht aus mir keinen coolen Alten.

Irgendwie müssen sich die jungen Leute ja kleiden! Was war’s zu meiner Zeit (die ist natürlich noch nicht ganz vergangen)? Ich hab’s vergessen, und krame heute keine Fotos aus; da müßte ich mich ja in Selbstironie besichtigen; aber bloß keine Ironie, hinter Ironie versteckt sich der zersetzende Intellekt Zersetzung, der keine Werte ernst nimmt.

Da bin ich nicht weit von Kuratoren entfernt, die Marotten haben:
Kurator
Daß Große Kunst ohne Kuratoren nicht richtig abgeht, ist mir bereits geläufig. Wie sehr Kuratoren der Kunst die Ohren lang ziehen und das Publikum auf Lego-Pädagogik und abgerundeten Lehrplan abrichten, darüber darf ich für mich grübeln. Künstler sagen zu jedem Thema etwas, aber immer in einer Form, die Kunstexegeten in ihrer Auslegung ihnen schwurbelig zur erneuten Interpretation vorlegen. Es ist ohne Belang. Ich grüble gerne über Bedeutungen – wenn ich den Kuratoren im Hasenkostüm kennenlernen würde, könnte ich schon meine Meinung über Kuratoren ändern.

Weiterer Beleg, daß Berlin etwas für seine umherziehende hippe Schwarm-Bevölkerungsschicht zu bieten hat: Es gibt nicht nur Grillbuden, den Alex und das KaDeWe und Cafés, Berlin hat auch eine »Rache-Agentur«, bei der nur der Kulturvierte seine Rache kultivieren sollte
Rache ist Psycho-Hygiene
»Rache ist Psychohygiene« – ziemlich psycho dieser Spruch.

Nach intensiver Vorbereitung ging’s von Zehlendorf aus in die Stadt. Das Stadtmagazin blieb in der Bleibe.

[**] »Pimpes« – man kann keinen Unsinn erfinden, ohne daß ebay nicht schon auch dafür einen Artikel hat. Darüber hinaus gab ixquick zu dem Wort nichts her:
Artikel zu Pimpes

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