11. April 2014

Populäres Thema: Haltungsschaden

Rätsel in Schlagzeilen lösen sich meist auf, wenn man den Text dazu liest; man bekommt im geringsten Aufklärungsfall einen Hinweis, worin das Rätsel besteht.

Maler gibt weiter Rätsel auf

zieht mich aus Berufsgründen an: Ich male (Sie malen? Ich auch! Wollen Sie es sich ansehen?). Ungern nehme ich Themen zur schriftlichen Meinungsäußerung an, die im Wohnort meiner Zweitwahl bitter und heiß beredet werden. Man hat mir berichtet, daß so etwas geahndet wird – »über deeen schreiben wir nicht!!! Der will nur Aufmerksamkeit!« Man kann weinen, schreiben und betteln, aber es hilft einem nur Verzweiflung über die strafende, schreiend ungerechte Nichtbeachtung hinüber. Dabei bedauert ein Großteil der lesenden Deutschen Bevölkerung, daß die »Mainstream-Medien« über so vieles ganz und gar nicht schreiben, daß diese »Mainstream-Medien« Mitläufer seien, gelenkt von Kräften, über die man sich nur in Foren ausgiebig unterhalten könne, weil nicht gesagt werden dürfe, was keiner einem verbietet zu sagen. Man hält sich die Hand einfach so vor den Mund und verbreitet dann schon das Geheime, das jeder sich denkt, dem das Wort Kompliziert zu kompliziert ist und nach Gehirnwindungen klingt.
Achtung Redaktionen: worüber ihr gar nicht schreiben wollt, das diskutieren die Leser am meisten.

Es wird einer Redaktion schon mal »Mut« anerkannt, wenn sie einen nicht maingestreamten Leserbrief veröffentlicht, der die »scheinheilige« Weltpolitik der USA mal deutlich benenne:

… [USA-Krieg] Nr. 223 im Jahre 2014 (Anstiftung eines bewaffneten Umsturzes in der Ukraine).

Eine detailreiche Analyse, die nicht viel Schnurz macht; mit der Faust auf dem Tisch. Eine Liste der Kriege/Konflikte der USA findet sich auch auf Wikipedia (»Liste der Militäroperationen der Vereinigten Staaten«). Da läßt sich ein Blick auf Kriege/Konflikte mit deutscher Beteiligung wirklich nicht vergleichen, es findet sich auf Wikipedia keine Liste; lohnt nicht, die Anzahl wird eine gutes Dutzend nicht überschreiten.

Anerkennung gebühre dem

Abdruck einer Meinungsäußerung, die von der in unseren Medien vorherrschenden, recht einseitigen politischen Sicht zur Weltpolitik abweicht

meint der ebenfalls abgedruckte Leser. Man hört die Erleichterung, den befreienden Seufzer darüber, daß endlich einmal in einer »offiziellen« Zeitung deutliche Worte in Richtung Amerika erhoben werden. So arbeite ich mich von Abdruck zu Abdruck nicht mainstreamiger Meinungen und komme doch immer wieder auf dieselben Quellen zurück, wenn ich die Wörter im Internet rückverfolge – auch eine Art »stream«, vielleicht ein »undertow«.

Demselben Leserbriefschreiber, ein Oberfeldwebel d. R., den 223 Kriege der USA sehr beschäftigen, wurde bereits vor Jahren mehrspaltig das Wort gegeben, als es um die Verlegung von »Stolpersteinen« ging:

Ich lehne »Stolpersteine« solange ab, bis auch für die zwei Millionen Frauen, Kinder und alten Männer aus Ostpreußen, Schlesien, Böhmen, Siebenbürgen usw., die 1945 bei der Vertreibung von Polen, Tschechen oder Russen erschlagen wurden, verhungerten oder erfroren, ein Mahnmal errichtet wird. Oder ist eine grausam zu Tode geschändete 16-jährige Schlesierin weniger wert als eine im Konzentrationslager vergaste 16-jährige Jüdin?
Aufrechnen? Relativieren?

Die Veröffentlichung solchen Briefes kann man mutig finden, wenn die Hoffnung zugrunde liegt, daß jemand antwortet. Es blieb still. Stolpersteine wurden schließlich doch verlegt.

Die Frage, wer weniger wert sei, bleibt mir im Gedächtnis: »Die vergaste Jüdin« oder »die grausam zu Tode geschändete Schlesierin«. Vergasen ist nicht grausam, man braucht das Wort nicht davor zu setzen. Den größten Wert hat der Vergleich: Er ist kein Aufrechnen und kein Relativieren, wie der Schreiber selbst über seine Gedanken urteilt, er ist ein Fundstück aus einem bedrängten Unbewußtsein. Die ungerechte Behandlung der Deutschen in der Welt läßt sich so kreischend aufzeigen, während die Juden überall ungeniert mit ihrer Art weitermachen:

Oder halten sie (Stolpersteine) Israel davon ab, demnächst (mit deutschen Waffen) den Iran anzugreifen?

Stolpersteine hätten für den Oberfeldwebel wenn überhaupt nur dann einen Sinn, wenn die israelische Politik darüber stolpern würde. Stolpersteine als Mahnung an den Staat der Juden. Der Brief ist nun schon einige Jahre alt; man möchte also sagen, da hier ein Kausalzusammenhang gesponnen worden ist: Israel hat sich durch Stolpersteine davon abhalten lassen – bislang!

Der Jude Henryk M. Broder bezeichnet die Gedenktafeln und Stolpersteine als Inflation.

Es ist nie falsch zu sagen: der Jude Broder, der Jude Heinrich Heine, der Jude Rothschild, der Jude Kissinger, der Jude Madoff, der Jude Einstein, der Jude Judas, denn dann kann man »den Juden« besonders gut für die eigene Besessenheit gegen die Juden verwenden, wenn’s einen alltäglich über Jahrzehnte hinweg würgt, daß den Deutschen unrecht widerfährt in der Würdigung ihres eigenen Leides.

Halten Holocaust-Mahnmale die 400 radikalen jüdischen Siedler in Hebron davon ab, 40 000 Palästinenser zu demütigen, ihre Brunnen zu zerstören und ihr Land zu rauben?

Nein! Das zeigt wie überflüssig Mahnmale sind – – wenn man sie nicht dem unbekannten Soldaten widmet, dessen vergangenes Leben sie würdig weiterführen.

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Man hat mir einen Brief zum Lesen gegeben, indem sich jemand über den »Neujuden« in der Redaktion beschwert, ein undruckbares, nicht minder unsägliches Geschreibsel wie zitierter Brief. Ich weiß mittlerweile, seit ich zweitwohne, wer alles Jude in der Welt ist, und wo die sind und was die treiben! So unwissend naiv war ich noch vor 10 Jahren, daß ich den Juden Mendelssohn-Bartholdy nur als Mendelssohn-Bartholdy kannte und hörte. Ich gehe nun den aufgeklärten Weg mit einer Klingel im Kopf und bin empfindlich auf die schrillen Töne, die in den Foren abseits des »vom Kapital gelenkten Mainstreams« gesungen werden.
»Das sind alles Judnfüaz!« höre ich noch öfters sagen; es ist gar nicht so gemeint wie gemein es ist, man sagt’s einfach, weil’s schon so gesagt wurde in vordenklichen noch christlicheren Zeiten.
Meinen Hut sollte ich in einer Gastwirtschaft bei einer Künstlerversammlung abnehmen, weil wir hier, Künstler unter uns, nicht unter Juden seien. Wo wurden hier Juden in den letzten 70 Jahren gesehen, daß so ein Spruch noch wie selbstverständlich jemandem mit nachdrücklicher Heiterkeit aus dem Munde fällt? Die Juden, das ist ein Volk, von dem ich nun annehme, es sei so ungehörig, den Hut an ehrenvollen Plätzen nicht abzunehmen, keinen Anstand zu haben und auf unsere Kosten die eigenen Untaten weiter zu verfolgen, durch den Staat Israel und durch die USA; aber der Nicht-Mainstream deckt sie schon langsam auf. In den »offiziellen« Medien kann man das noch nicht lesen.

Haben die denn nichts aus der Geschichte, die wir ihnen beigebracht haben, gelernt? Gerade die Juden müßten es doch wissen!

Solche Sprüche kann man gar nicht unschuldig genug vorbringen. Sie sind »Mainstream« und trotzdem muß man erklären, was daran widerlich ist (indem man sie ein bißchen überzieht).

Geht man Links und Worten nach, um herauszufinden, woher so manch Empörter sein Nicht-Mainstream-Weltwissen bezieht, kommt man auf Honigmänner, Bewußtseins-Televisionäre, Sekret-Televisionäre, Kompakte Magazine oder Infokrieger und gerät in einen Mahlstrom, der einen völlig benommen direkt am Südpol ins Innere – man wird pessimistisch – einer durch und durch hohlen Erde stößt; man sieht sich am Himmel langatmige Chem-Trailer an, lauscht in der Nähe von Windrädern dem lebensbedrohlichen, Feinstofflichkeit zerstörenden Infra-Schall, und begreift das System dahinter: Romantischer Größenwahn und politische Zurücksetzung. Bedeutungslosigkeit. Auf alle Fragen eine Antwort: Meditativ-monoton immer dasselbe denken; Nicht-Denken. Verstand ist schädlich. Nur das Gefühl zählt, das unbestimmte Bauchgefühl.

Nun lese ich also einen Artikel über einen Maler, der weiter Rätsel aufgibt. Mein Bauchgefühl sagt mir: Maul halten, hier ist ein Thema, das man besser, als Ausländer, nicht aufgreift – wie etwa die Frage nach der Berechtigung einer Namensgebung der Straße gegenüber nach einer der großen bayrischen Parteigrößen, die in einem Land regierten, »das in brauner Vorzeit Juden in die Emigration (!) trieb«. [Joachim Jahn, FAZ], die Ludwig-Siebert-Straße. Man macht sich Feinde fürs Leben, ohne daß man sie jemals zu Gesicht bekommt, oder man hört offene Drohungen. Ohnehin komme ich von außerhalb der Mauer, ein Bayer im Frankenland. Wo ich herkomme, da sei es doch mindestens genauso schlimm gewesen, wenn nicht sogar noch schlimmer. – Es darf nur von innen kommen, was einen bewegt (tiefes mystisches Geheimnis). Was nicht gerüttelt wird, bewegt sich eben nicht. Rede du von dir, und kehr vor deiner eignen Tür. Wechsle niemals deine Wohnung, zieh nicht um, bleib Zuhause, ernähr dich nicht unbedingt redlich, doch immer so wie die andern. So wie’s war, ist’s selbstverständlich, das wissen wir alle, Schwamm drüber. Oder Schwamm ausquetschen.
Reden wir nicht über Details, machen wir’s allgemein: Es war eine dunkle Zeit für jeden. Juden wurden in die Emigration getrieben – wenn sie entkommen konnten.

Besagter Maler war als »Angehöriger der Propaganda-Abteilung« »verpflichtet Kampfhandlungen zu heroisieren«, seine »pathos-triefenden« Bilder (aus brauner Vorzeit) lassen sich als »nationalsozialistische Propaganda einordnen«. Unmittelbar nach dem Krieg habe sich der Maler, sagte ein Bekannter des Malers aus »Furcht vor Entnazifizierungsmaßnahmen« versteckt. Danach ging alles wieder seinen Weg mit Landschaften, Stadtansichten, Portraits.
Was ist nun das Rätsel? Ob der Maler vielleicht »vom Gedankengut des Nationalsozialisten infiziert war«. Der Nationalsozialist? Gab’s nur den einen, den einen Hitler?

Das Rätsel ist die Frage selbst. Es sollte ein Ausrufesatz sein. Das ist ein bißchen pathetisch zwar, aber doch nicht triefend. Wenn er nicht infiziert war, was dann? Dann war sicherlich kaum jemand infiziert vorort. Über Opa oder Oma in der Familie gibt’s nichts zu sagen.

Das Rätsel ist das Glück der Bildenden Künstler. Man kann nie genau wissen, was sie meinen, selbst wenn sie zu Tausend Themen etwas malen: Bilder lassen sich nicht eindeutig verworten. Das hält die Kunst immer noch am Leben, es macht sie zwiespältig, zwielichtig mitunter. Es ist ihr Recht, es ist ihr Gut.
Vom »Gedankengut des Nationalsozialisten« konnten Maler nicht infiziert sein: Da waren weder Gedanken, noch waren die Reste davon gut.

Manchen geht es wirklich schwer auf die Nerven, daß sie mit ihrem Gedankengut immer wieder in die »rechte Ecke« gestellt werden. Die rechte Ecke ist aber keine Ecke mehr, sondern offenes Hinterland.

Befrägt man eines Tages unsere Generationen so milde darüber, ob wir inmitten von Konsumberauschten von Konsum berauscht waren, wenn in vermülltem Land nach Wertstoffen gegraben wird, dann stehen wir vor einem milden Gericht. Wir haben es uns verdient, es ist unser Mindest-Lohn und wird das höchste Lob auf uns sein.

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