Archiv für den Monat: Februar 2017

25. Februar 2017

Wozu bin ich deutsch?

„Was ist deutsch? Irgendwann könnten wir uns vielleicht darüber unterhalten.“
Wenn ein allgemeines Bedrohungsgefühl herangefühlt worden ist, wenn die Bedrohung der (Volks-)Gemeinschaft oft genug besprochen worden ist, wenn wir Verfall um uns herum wittern, ergibt das gewiß eine »Debatte« über unseren »Volkscharakter« – wie oft hab ich schon: Was ist deutsch? gehört! Es wird die Debatte angerührt, die uns in unsere kulturellen Landesgrenzen einsperren möchte – das wäre schon eine Antwort auf die Frage. Daß ich hier so selbstverständlich »bei uns« schreibe, bezeugt, daß der Autor ein Heimatgefühl mit allen andern teilt, die hier sind; innerhalb der deutschen Grenzen hat er, da von deutsch-gebürtigen Eltern geboren, eine stammesgeschichtliche Berechtigung sozusagen als Insider, als Inländer darüber zu reden, mit bald 6 Jahrzehnte währender eigener Erfahrung.
Politisch links Orientierung Suchende mögen eine Debatte über das Wort Deutsch nicht; sie spüren die Schande in den eigenen Knochen noch auf; ein prickelndes Schaudern, ein leichtes Gefühl der Reinheitsglückseligkeit überkommt sie, wenn sie im Klassenfeind ein Deutschsein erkennen, dem sie ihre ganze mitmenschliche Verachtung widmen dürfen.
Deutsche Schande[J. Augstein]
Politisch rechts Empfindenden behagt auch aus Opportunismus gerade deshalb darüber zu reden um so mehr; die Mitte ist dagegen nicht neutral, sie wogt mit den Extremen, fragt sich, was ist dran? hakt sich unter, ist bewegt und schunkelt gerne mit lauten Wortführern, seinerzeit Bierzeltrednern; heute sind’s Prediger, Parteigänger und kristliche Sarazine, die ihre Fans zum Kulturbewußtsein und deutschen Kulturgutgebet auferwecken. Deutschland hat sich mit ihnen und durch sie schon längst abgeschafftet. Ist die Show zu Ende, bekommt die Menge nicht einmal einen Kater.
Vielleicht ist »Was ist deutsch?« nur eine online-Debatte unter Kolumnisten? Doch scrollt man vom schön geschriebenen, ausgewogenen Text nach unten in den Kommentarbereich, fühlt man sich wieder mehr zuhause im Deutschsein. Man ist augenblicks von der Wirkungslosigkeit guten Journalismuses überzeugt, und hört wieder Volkes Stimme [da liegt ein Wort in der Luft!].
Die Volksauflösung der FAZDie Volksauflösung der FAZ Fortsetzung
[FAZ, Reinhard Müller]
Wenn sie doch nur im Glashaus sitzen würden, dann könnte man ihnen die Scheiben einschlagen – das geht oft seitenlang dahin.
Wie wagen sich Kolumnisten an sooo große und wichtige Themen immer wieder heran? frage ich mich. Wie recherchiert man über Deutschsein ohne in der Geschichte zu buddeln. Es scheint unbedingt erforderlich, Geschichte außen vor zu lassen: die einen berufen sich nur darauf, die andern finden die anderen 1000 Jahre doch weit gewichtiger.
So viel sei verraten[Volkesstimme vertreten durch einem aus dem Volk: Dennis B.]
Warum aber debattiert man wieder einmal? Man will den rechten Strömungen im Volk entgegentreten, damit im Deutschtum nicht das hervortritt, was am Wort so stört. Es ist nicht die NPD, die Wortführer ist – laut Verfassungsgericht, eine kleine, wenn auch blamable Partei ohne Wirkungsgeschichte – es ist die Partei mit Bedeutung, die ein Wort okkupiert hat, das seinerzeit, vor etlichen Jahrzehnten eine Szene für sich entdeckte, die so alternativ wie bio war und ist. Die Alternative für Deutschland gibt die Richtung vor und debattiert selbstverständlich gar nicht mit. Alternativen sind gerade nicht, was ihre Redner und Wähler wünschen.
Es ist Nebensache, was da alles diskutiert und herausgefunden wird – hört eh keiner, hat eh jeder seine Meinung schon längst.
Wichtig dagegen ist, dem Wort Deutsch eine Lautstärke zu geben, eine Würze, einen Geschmack, es in den Magen hinabzudrücken, serviert auf einer Curry-Wurst, auf der Leberkässemmel oder im Kartoffelpuffer – und nicht auf einem Döner oder einer Falafel (man braucht gar nichts diskutieren, man merkt vom Bauchgefühl her schon, da gehört’s nicht hin!). Ist es erst einmal im Magen, kommt des Deutschen hochgepriesenes Bauchgefühl – auf das immer Verlaß ist – zum Wirken. Das Bauchgefühl ist uns, den deutschen Feinschmeckern, den Gesundheitsesoterikern, ein Heiliges. Wir reden gerne davon. Im Bauch kommt alles zusammen. Das gibt uns Magendrücken, dort ist nichts mehr rein, sauber und unvermischt. Kein Wunder, daß so viele es würgt, denn ihr vergeistigter Zorn ist ihnen heilig. Eine Umstellung auf etwas gedämpftere Kost aber käme nicht in Frage, da wird mal ein Groß-Reine-Machen zum Allheilmittel werden.
Wozu deutsch sein? Warum – es kommt mir Mitleiden hoch – gibt es denn bei uns kein ungetrübtes Nationalgefühl? kein Fahne-Schwenken beim Fußball ohne Debatte – wir sind doch im Grunde kein Volk, das Debatten je geliebt hat, darüber sollten Fernsehtalkshow nicht hinwegtäuschen. Woanders geht’s doch auch, bei den Franzosen, den Amerikanern, den Italienern, den Russen.
Deutsch ist man aus Gefühl
»Nationalbewußtsein«, schreibt Herr Krause in der Welt richtig oder falsch, hängt nicht mit dem Intellekt zusammen. Gefühle wollen sich nicht begründen lassen – das scheint ja vor allem Aufgabe des Intellekts zu sein: Verunsichern. Der Intellekt sollte dem Gefühl mal nachgeben anstatt ihm nachzugehen, und schauen, in welche dunklen Wege es wandert.
Deutsch ist man aus Gefühl (»Lesedauer«: 30 Jahre und mehr). Fühlen ist unsere Stärke; wir fühlen Unverträglichkeiten und allergische Reaktion.
Man könnte es dabei belassen: die einen fühlen, die andern nicht. Am Ende (gar nicht abzusehen) wird es erneut heißen: Diese ganze Diskussion ist sooo deutsch – darin sind sich alle einig. Ratlos stehen wir wieder vor einem blinden Spiegel und hauchen unser Bild an, polieren mit dem Ärmel herum. Wir fragen uns das falsche. Warum reden wir gerade jetzt wieder ums Deutsche herum? darüber sollte man reden: Es geht um die Grenzen des Deutschseins, nicht was innerhalb ist, sondern darum, wen man draußen haben will. Es muß ein Ergebnis her! Man muß mit dem Finger darauf zeigen können, vorort: der und die gehören hier nicht her.
Ich persönlich brauche den Akkord deutsch in meinem Alltag nicht. Er wäre nur ein zusätzlicher Pfeifton an meinem Ohr; er bringt mir kein neues, schöneres Lebensgefühl nahe, aber deutsch verbindet sich auch nicht automatisch mit Schmach und Schande. Die ganze Geschichte ist verworren: Aus der Nähe betrachtet wird der Begriff verschwommen, aus der Distanz gewinnt er an Klarheit. Wer länger im Ausland gelebt hat, hat womöglich erfahren, wie sehr deutsch er ist; im Inland braucht er sich dessen nicht zu versichern; auch Ausländer werden hier schnell zu Deutschen und machen viele unserer Macken zu ihren eigenen und mutieren zu Inländern.
Was ist deutsch? – Deutsch ist meine Sprache.
Natürlich kann man da seine Zweifel haben. Deutsch ist voller Tücken und Regeln, und Fallen und Fälle. Die Sprache ist unbeherrscht, sie kann sogar gebrochen gesprochen werden: Deutsch bleibt deutsch; verstehen tun wir’s allemal, oft nur zu gut. Vorsichtig bin ich dort, wo der Redner und Schreiber »Klartext redet«. Klartext verdeckt die Zwischentöne, wenn nicht gar die allermeisten Farben.