1. Februar 2018

Des Bewunderers Blickverengung

Der Angriff auf einen Bewunderer von Schönheit hat meinen Blog aus dem Schlaf geweckt. Ihm beizustehen aber ist nicht notwendig, das Thema ist zu groß, zu gesamtgesellschaftspolitisch von Bedeutung, als daß nicht Gewichtige zum Kampf aufrufen. Es geht um Alleen und Frauen und Blumen und wie ihre Beseitigung von einer Fassade, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit im Land gefährden, »das PEN-Zentrum Deutschland und der Kulturrat warnten vor Zensur«, »Kulturstürmer« und »Sprachpolizisten« seien am Werk. Ein Gedicht dringt in die Wirklichkeit ein und Dichtung wird verteidigt – eine schlechte Nachricht für die, die glauben, Gedichte sind nur was für müßige Köpfe. Wir sind doch eine Nation, die auf ihre Dichter hält – (die Denker lassen wir beiseite).

Das auf spanisch geschriebene Gedicht von Eugen Gomringer lautet in der deutschen Übersetzung der Beschwerdeführer*innen:

  • Alleen
  • Alleen und Blumen
  •  
  • Blumen
  • Blumen und Frauen
  •  
  • Alleen
  • Alleen und Frauen
  •  
  • Alleen und Blumen und Frauen und
  • ein Bewunderer

Es prangt seit sechs Jahren an einer Außenfassade einer Berliner Hochschule und, weil es an sexuelle Belästigung erinnert, wird es überpinselt werden. Den Prozeß der Urteilsbefindung über das Gedicht bezeichnet die Hochschulleitung als »gewaltfreies, demokratisch legitimiertes und auch ideologie-, diskriminierungs- und klischeesensibles Verfahren«. Dann kann’s an nichts fehlen. So vollständig klischeebefreit, neutralisierend und ängstlich spähend nach allen erdenklichen Seiten hin urteilte die Öffentlichkeit nicht.

Sie hat in vielerlei Hinsicht weniger Bedenken, im gesamten aber geradezu Risse – der Kulturkampf um Zensur kann das Papier unseres Gesellschaftsvertrages noch ein weniges strapazieren, es reißt vielleicht gar nicht, sondern brennt oder kokelt von den Rändern her. Die Kulturbedrohung kommt also in diesem Falle nicht von »rechts außen«, politisch gesehen, es stecken keine Juristen dahinter, die über »Halbneger« trillernd und twitternd ihrem Gedankengut freie Bahn schaffen (irgendwo sickert schon was ein), keine Abgeordneten, die keine Nazilieder singen, und von solchen Liedern keine Ahnung haben und vieles andere mittlerweile täglich zu Lesende mehr – es geht um anderes Gedankengut, auch ganz und gar nicht frei von Politik: es geht um das System der Herrschaftsbefestigung durch unbewußte »Normen- und Machtverhältnisse re_produzierende« Sprache. Nicht so sehr simplifiziert steht es in einem Leitfaden für – es folgt das abschreckende Wort und ein abschreckendes – »feministisches Sprachhandeln«.

Einfacher kann man es nicht erklären, als es dort steht: »Sprache ist kein bloßes Kommunikationsmittel, das auf neutrale Weise Informationen transportiert. Sprache ist immer eine konkrete Handlung. Über Sprache bzw. Sprachhandlungen wird Wirklichkeit geschaffen.«

Das, denke ich, ist die neutrale Aussichtsplattform, von der die Beschwerdeführer*innen der Hochschule auf die Fassade blicken, die an ihrem Lehrgebäude plaziert wurde. Unpassenderer kann es dort nicht sein. An solchem Gebäude soll nur die Lehrmeinung prangen. Für die braucht es keine trigger warning (das kennen Sie noch nicht – kommt Zeit kommt Woaning).

Die unmittelbar empfundenen Vorort-Reaktionen auf das Gedicht – gewissermaßen auch eine Art Wanderung auf einer Allee lauten: »Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können. Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.«

Kurz: a) Blicke können überall sein, b) halte Ausschau nach Bewunderern – kurz: es ist nur eine Vier-Schritte-Abkürzung (Alleen > Blumen > Frauen > Bewunderung = sexuell übergriffige Blicke) von der Gesellschaftstheorie ohne Praxis in die Praxis ohne Wirklichkeitsanschluß. Hier haben wir Nicht-Neutralisierten einen Blick auf die Wirkung einer Theorie auf hochsensibilisierte Organismen mit hochallergischen Hautreaktionen.

Stünde das Gedicht nur nicht an einer Außenfassade, dauersichtbar! Gedichten in Büchern kann solche Plakatwirkung nicht geschehen: man schließt das Buch, das Gedicht ist weg, es wirkt Sekunden oder Stunden nach und ist vergessen. Dieses Gedicht aber las Tag für Tag, wer daran vorbei ging, es spazierte mit den Gedanken einen Weg hinein in die Uni und wieder heraus ins Leben. Da ist das Denken einmal angestoßen, und keine Allee mehr offen, da ist schon lange ein Kanal geschaffen, indem es immer schneller fließt als in einem natürlichen Bach (wo gibt es solche noch? Sie werden wieder angelegt, natürlich – und dann fließt es wie geplant).

Die Gedanken sind frei, hieß es vor über 200 Jahren, das war politisch gemeint, befreiend, niemand kann sie dir nehmen.

Die Gedanken sind nicht mehr frei. Sie rennen bereits auf breiten Autobahnen mit selbstlenkenden Fahrzeugen zielgenau einen ausgemachten Weg – die drinnen sitzen, schauen hinaus und sehen Staffage: immerzu alles schon gesehen, kennen-wir-schon. Doch wer stellt die Staffage auf, malt die Plakate bunt?

Thematisch geht es in der Stellungnahme nicht ums Gedicht, es geht um Sprache und wie sie unsere Rollen definiert. Und diese Sprache, die wir sprechen, (wie oben beschrieben) manipuliert uns, sie legt unsere Rollen fest, und wir tun’s dauernd und dauernd und fortdauernd. Wer sich mit den Rollen beschäftigt, sieht die Gitterstäbe unseres Gefängnisses, sieht die Masken, die wir uns aufsetzen.

Es wird dem Analytiker sehr schnell in den Kopf dringen, daß wir unsere geschlechtlichen Rollen oft allzu eng fassen, und geradezu sie manisch immer wieder fixieren, damit nichts aus der Fassung kommt, das ist schon sprichwörtlich. Wir könnten das leicht selbst an uns erproben, wenn wir unseren Assoziationen mal einige Schritte hinterherlaufen und sie auch von hinten betrachten könnten. Bilder erzeugt unser Denken automatisch – was wir da projizieren, ist Spiegelung und Verzerrung, eine Collage, zusammengestellt aus Erfahrung, aus Wünschen, aus Ängsten. Ob ein echtes Ich dahinter steht oder davor oder in der Mitte, läßt sich kaum erfahren, man darf’s glauben. Was wir jedoch sehen, daran können wir, mit dem Verstand, und nur mit ihm, erkennen, wohin uns unsere Gefühle steuern. Wer nie so, wenigstens hin und wieder, seinen Fantasien hinterherschaut, wird kaum etwas über sich und den Urgrund seiner Urteile erfahren, er wird sie nur als gegeben nehmen. Dem wird die Welt vorgeträumt, der hält alles für richtig, was seine Meinung ist – (Zorn ist gegenwärtig die beliebteste, weil scheinbar »authentischste« Meinung).

Ich lese mir den Leitfaden für »feministisches Sprachhandeln« (nicht zur Gänze) durch. Es ist nicht die horrible, mit unlesbaren grafischen Zeichen versetzte Textur, wie mitunter verbreitet wird. Sie kann immerhin zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel: Mir gefällt das Wörtchen »man« nicht recht – man tut dies, man tut das – ich verwende es trotzdem noch zu oft, verzichten will ich nicht ganz (Stichwort → Konsumverzicht). »Man« findet ausdrückliche Erwähnung im Leitfaden: es wirkt »oft pseudogeneralisierend und verdeckt Ausschlüsse.« Wer die Sternchen im Text nicht verstanden hat: »die *-Form … nimmt symbolisch auf verschiedene, viel- fältige → Positionierungen Bezug.« Schwerer wird dem nicht-universitären Benutzer des Leitfadens die x-Form zu vermitteln sein, für den ist sie womöglich auch gar nicht gedacht. Erläutert wird am Beispielsatz »Dix Studierx hat in xs Vortrag darauf aufmerksam gemacht, dass es unglaublich ist, wie die Universität strukturiert ist, dass es nur so wenige Schwarze /PoC Professxs gibt. … Das ‚x‘ signalisiert ein Durchkreuzen herkömmlicher → gegenderter Personenvorstellungen.«

Grammatikalisch gibt das kreative Herausforderungen. Flüssig lesbar ist das natürlich nicht; flüssiges Lesen ist ohnehin nicht gut, es fördert → Über-lesen, und damit Nicht-→Achtsamkeit auf Diskriminierungs→formen:

»Bildung von Substantiven: Wenn möglich, wird im Singular ‚x‘, im Plural ‚xs‘ an den Wortstamm der dazugehörigen Verbform angehängt, z.B. Studierx, Studierxs und Lehrx, Lehrxs. Bei anderen Formen ist Kreativität gefragt, z.B. durch das Ersetzen der konventionalisiert gegenderten Endungen: Angestelltx, Angestelltxs und Doktox, Doktoxs. (Die Form wird jeweils ‚iks‘ ausgesprochen, im Plural ‚ikses‘.)«

Obwohl ich den Leitfaden, der gewiß über keine Allee läuft, sondern durch ein labyrinthisches Lehrgebäude gezogen wird, scheinbar nur genüßlich zitiere, daß er sich selbst blamiere, kann ich (man) immerhin erkennen, daß es sich um eine Art Fachsprache handelt, ohne die ein Forschungsgebiet nicht auskommt. Ich finde Anregungen darin; allzu kreativ werde ich jedoch nie schreiben, nicht nur zu x-Formen werde ich es nicht bringen – da muß erst eine eiserne, sprachhandelnd durchgreifende Gesetzesvorschrift her, und nicht bloß eine neuere Rechtschreibreform.

Was aber wird aus dieser Sprache, wenn sie einmal wirklich neutral wird, wenn sie sich mit dem Alltag konfrontiert; es ist ausdrücklicher Wunsch, das eigene »Umfeld, z.B. die Universität« aktiv zu verändern. Nicht die Beseitigung des Gedichtes als vielmehr die Begründung läßt jedenfalls in mir Zweifel aufkommen, ob nicht durch zu viel Sensibilisierung auch schon der Hauch eines Druckes wie im Fieber als unerträglich empfunden wird, und ob freies Assoziieren da noch möglich ist. Folgen Sie der Sensibilisierungs→Anweisung:

»Was höre ich von anderen Personen, direkt und indirekt, wie sie benannt, wie sie wahrgenommen werden wollen? Wichtig ist hier, mich selbst in Bezug auf meine eigene → Privilegierungen zu reflektieren und ausgehend von diesen genauer denjenigen zuzuhören, die sich diskriminiert fühlen. Ich kann mich in verschiedenen Situationen fragen: Werde ich privilegiert oder diskriminiert oder vielleicht auch beides und welche Rolle spielt das in einer konkreten Situation?«

Ob hier nicht ein sich selbst schaffender Kreis Privilegierter einen natürlich nicht diskriminierenden Blick einübt, um sich für alle Fälle gegen alle Seiten eventuell diskriminiert (nicht sexuell) Zurückblickender abzusichern (so wie es die Begründung, siehe Anfang tat – nur niemandem weh tun: am wenigstens sich selbst). Sag nur ja keine falsche Silbe, sag X (iks, oder ikse, kreuze alles durch).

Freilich, das ist eine »Achtsamkeitsübung«. Atme in den linken kleinen Zeh, spüre die Veränderung … das wird möglich, wenn ich’s öfter denke, aber, schon erlebt: Beim Anblick von schlecht fotografierten Wiesenbildern, von Kinderaugen aus zu warm gehaltenen Allerweltswerbebildern, werden nach Aufforderung (»Was fühlen Sie? … Spüren Sie in sich hinein!«) sich gleichende, gruppendynamisch aufgepumpte Gefühlsüberschwänge herausgesprudelt, daß Tränen bald nahe sind – wie, dachte ich mir, werden diese Trainingsfühlenden reagieren im Alltag, beim Anblick einer echten, nicht papierenen Wiese? Sind gerade sie nicht die am leichtesten Manipulierbaren, wenn sie Fernsehen, 5-Minuten-Nachrichten schauen, durchs Internet mit aus ihren Vorlieben generierten Empfehlungen sich leiten lassen?

Wie gehen die Privilegierten an der Universität mit Diskriminierten von der ganz andern Seite um, denen alles Reden nur Gerede ist, Argumentieren nur links-grün-versifftes Geplappere – da wird jemand einen Konfliktmediator heranziehen müssen.

Das Mikroskop aus dem Studiensaal sollte nicht für eine Lesebrille genommen werden. Dem Geschwätz der eigenen Stimme könnte auch hin und wieder, entgegen aller Achtsamkeit und Umsichtskontrolle, ob nicht jemand im Raum ist, der so geräuschempfindlich wie ich ist, wenigstens ein Stimmchen geben, weder tiefsinnig und noch zehnmal ausprobiert. Sonst verkommt die Uni zur Windel, die sie sich umlegt. Man(n) bleibt nicht immer berührungsfrei, trocken und geruchslos, angstvoll-neutral. Wer nimmt dem Überbehüteten die duftende Last ab?

An meiner Hauswand hängt kein Gedicht – hätte ich eine, die mir gehören würde, ich würde keines draufpinseln – ich will nicht bei einem Marterlspruch hängen bleiben – dieses hier könnte ich mir für eine Berliner Uni vorstellen:

Spatzen

  • Zuweilen kommt Besuch: Das Eisengitter,
  • für mich Gefängnis, ist für andre Rast.
  • Ein Spatzenpaar ist gerne da zu Gast,
  • ein Spatzenfräulein und ein Spatzenritter.
  •  
  • Sie lieben sich in Zank und Zärtlichkeit,
  • sie haben schnäbelnd viel sich zu erzählen,
  • und wollt ein andrer Spatz die Spätzin wählen,
  • dann gäb es einen fürchterlichen Streit.
  •  
  • Wie seltsam ist es, ungehemmtem Leben
  • in Fesseln voller Frage nah zu stehn –
  • ob mich die flinken schwarzen Augen sehn?
  •  
  • Sie schauen fort. Ein Tschilp, ein Flügelheben,
  • Der Eisenrost ist leer. Ich bin allein.
  • Wie gerne möchte ich bei den Spatzen sein –

Albrecht Haushofer, Moabiter Sonette XVIII

 

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