5. Februar 2018

Mord- & Tod-Einerlei

Hier ist wieder jemand ermordet worden und dort einer niedergestochen, es gab einen Raubüberfall in jenem Dorf, in einem anderen, lese ich, wurde einer zusammengeschlagen, woanders wurde eine Frau zerstückelt und in Plastik verpackt. Vorsichtig muß ich sein, vorsichtig leben, damit das Verbrechen nicht zu nahe kommt. Ich höre und sehe, was vor sich geht, ich sehe es nicht, ich kann es mir vorstellen. Es geschieht auf offener Straße, das ist das Schreckliche daran. Geschieht es in Kellern, lese ich nichts darüber, es ist nicht erwähnenswert. Einerseits ist es dort noch viel schrecklicher, andererseits ist es dort auch selbstverständlicher.

Über geheime Folterlager und Kellerlöcher kann nicht täglich berichtet werden, will niemand nicht täglich lesen. Es ist nicht im Tageslicht, nicht im Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit, sondern unmittelbar daneben, im Schatten, in dem wir nichts erkennen, weil uns das Licht noch blendet. Sähen wir nur länger hin, könnten wir sehen wie nicht unser Nachbar, sondern wir selbst in einen Keller verschleppt werden. Dort wird uns bewußt, daß wir aus der Erinnerung unserer Nachbarn verschwinden und in unser »kollektives« Unbewußtsein eingehen, das uns bearbeitet mit allem, was es im Dunkeln anzustellen gibt, das können wir uns gut vorstellen, Krimis zeigens im Detail.

Weil wir draußen nicht geschrien haben, nützt uns unser Schreien drinnen nichts.

Worüber berichten unsere Zeitungen? Sie bieten uns lesenswerten Lesestoff für die Kurzweil. Ein Raubüberfall hier, ein Morden da. Hauen und Stechen überall, doch nicht ins Auge und nicht geheim; privat mit Werbung verquirlt, öffentlich-rechtlich und vor aller Augen, dennoch so, daß es nicht weh tut. Mit zwei Augen sieht man angeblich mehr – zeigte das ZDF ihre Infopolitik in einem Werbespot an, und ließ dabei Prominente eine Auge mit einer Hand zudecken, das trifft‘s. Prominente helfen uns, nicht mehr so genau hinzusehen: sie sind Werbung 1) für sich selbst, 2) für Gummibären, Duschgel, oder die fahrende Gurke in Fantasielandschaft.

Prominenten müssen wir folgen, sie lassen uns teilhaben an dem, was wir ihnen ermöglichen: Erfolg. Das ist der Trost auf der Fernsehcouch. Er schmeckt nach: täglich mehr davon.

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