23. Mai 2011

Beckett-Lektüre bei 25° im Schatten

Es hat 25 Grad draußen, es ist schwül, die Sonne scheint wolkenlos und Regen bleibt aus. Die Vögel singen überall und nahezu den ganzen Tag. Am Telefon frägt man mich bisweilen, ob ich am Waldrand wohne. Ich brauche mir keine „Vogelgezwitscher-CD“ zu kaufen, um mein „Gemüt zu beruhigen“ und „die Sinne zu schärfen“, oder die Seele zu entspannen – sie singt immer mit – wie soll es anders sein bei dieser allgemeinen Hintergrundberauschung: Stille bleibt ein unerfüllbarer Wunschzustand, wenn so viel Grün um einen her ist. Dabei sitze ich hier im Bahnhof, bei offenen Fenstern, und es gibt natürlich auch Motorenlärm und Bahnsteig-Geplappere.

Das ist nicht gerade das Wetter, um ans Bücherregal zu gehen und alte Lektüren in die Hand zu nehmen, und bei Beckett zu verweilen. Es stehen da immer noch Bücher von Beckett, die ich nicht gelesen habe. Eines ziehe ich heraus und fühle mich augenblicklich zurückversetzt an meine erste, mich elektrisierende Lektüre vor über: 35 Jahren, »Warten auf Godot«. Damals hatte ich die Angewohnheit, mir wichtig erscheinende Sätze anzustreichen. So etwas zum Beispiel:

Estragon: Was soll ich ihn fragen?
Wladimir: Warum er sein Gepäck nicht absetzt.
Estragon: Das frag ich mich auch.

Ein Buch von Bertrand Russell, »Warum ich kein Christ bin«, ist gar zur Hälfte gelb unterstrichen. Damals waren die wichtigen Fragen nach dem tieferen Sinn des Universums von gleich hohem Rang wie die Verehrung von schönen Mädchen; und das heißt für einen 16-Jährigen: alles.

Statt dieser welterforschenden Gefühle von einst stellte sich ein Unbehagen ein: ‚Warum überhaupt ein Buch in die Hand nehmen, und womöglich Stunden damit verbringen, am hellichten Tag? Vergeudete Zeit! Was haben mir die Lektüren von einst gebracht?‘

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13. Mai 2011

Sorgen für und um

Schon länger machte ich mir eine Sammlung zum Wort: Fürsorge.

Es kann wie eine Erscheinung sein: wo man es gewiß nicht erwartet, dort wird man es lesen. Ein typisches Beispiel ist folgender Satz:

Winter sorgt für Chaos.

Ein schönes Beispiel ist dieses:

Bratwurst sorgt für Erleichterung.

Wie das gemeint war, weiß ich nicht mehr. Eine Bratwurst wird weniger für Erleichterung sorgen denn für Verstopfung. Die Verstopfung könnte eine Folge des Genusses einer Bratwurst sein; um Fürsorge handelt es sich von Seite der Bratwurst gewiß nicht. Die Bratwurst macht es einem gut, Vorsicht dagegen vor einer anderen Wurst:

Currywurst sorgt für Strafverfahren.

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26. April 2011

Das öffentliche Blaue auf einer Bank

Schwer fällt es an schönen, öffentlichen Orten der Ruhe zur Ruhe zu kommen, auf Parkbänken nur ins Blaue zu schauen oder Leute beim Flanieren zu beobachten, keinen Gedanken an etwas anderes als an den Augenblick zu verschwenden, der gerade ist: ich komme gar nicht bis zu dieser Art Verschwendung, zu der ich mich gelegentlich sehne.

Da sitze ich in Konstanz an der Uferpromenade am See auf einer Bank und horche auf das Plätschern des Wassers und auf die Bläßhühner, oder ich bin im Nymphenburger Park, es scheint die Sonne, die Blumen blühen und ich fange an, an Zeiten zu denken, die ich gar nicht kannte – es könnten meine besten sein! Und dann eilt mir durch das Sichtfeld ein bunter Vogel auf dünnen Beinen und mit in den Kies stechenden Stöcken, es keucht eine halbe Minute später jemand hinter mir vorüber, dann ziehen Räder eines rennenden Kinderwagens eine schleifende Tonspur durch mein Ohr, ein sich trimmendes junges Paar ist im Elterneinsatz, oder ein dürres Menschlein mit Hanteln und Sandsäcken sprintet stählern übers Pflaster.

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6. April 2011

Live ums Leben ticken

Die Zeit der letzten „Live-Ticker“ ist nun schon fast wieder vorüber, sie kommt hoffentlich nicht mehr. Wenn sie wieder kommt, dann klicke ich erneut darauf, nicht minütlich, auch nicht stündlich, aber oft genug, wenn es meine Aufmerksamkeit wieder an Brennpunkte zieht, die mir nahe treten können.

Der „Live-Ticker“ geht langsam vorwärts, gemessen an seiner Tick-Häufigkeit, die neuesten Nachrichten sind wenig beruhigend; was uns erwartet, es wächst heran. Das völlig Unfaßbare und Grauenvolle zeigt mir erst der „Bilderticker“, er läßt mich versinken in Bildumgebungen, die ich kaum ertragen kann, würde ich länger darauf blicken. Da der Ticker eine „Bildstrecke“ ist, bleibt er erträglich, ich klicke weiter, nur um weiterzukommen, an ein Ende, oder ich breche vorher ab; nur nicht verweilen! – gelegentlich mache ich es, dann geht die Fantasie nicht mit mir durch und ab in Fantasiewelten, sondern bleibt stehen und brennt Gedanken aus! Fantasie ist keineswegs Flucht, sondern Notwendigkeit; glücklich wer sie hat!

Sollte ich mir „ausmalen“, was Wirklichkeit werden könnte, würde ich erstarren: Nicht beim Zurückblicken wird man zur Salzsäure werden, sondern beim Vorausschauen.

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1. April 2011

Kopfweh gegen Atomwolke

Heute, Mittwoch, 11h30 wurde mein Kopf so weh, daß ich mich ins Bett legte, um das Wehsein mit Schlaf zu besänftigen. Wer starkes Kopfweh kennt, der wird den Kopf darüber schütteln; Kopfweh erlaubt keinen Schlaf, es pocht dich ins Wachsein zurück, in unerträgliches Wachsein. Mein unerträgliches Wachsein ist zum Teil immer ein metaphysisches, halb wahr halb erfundene Empfindung. Ich möchte aber gerne als so fleißig gelten wie jeder Ottonormalmensch, deshalb drehte ich es so hin, daß mich nach kurzer Zeit ein Telefonanruf weckte. Nach normal belanglosem Austausch von Höflichkeiten erfuhr ich, daß Kollegen des Anrufers gehört hätten, eine Atomwolke werde in einigen Stunden über Deutschland schweben, auch wäre es jetzt schon besser, keinen Fisch mehr zu essen, der komme womöglich aus japanischen Gewässern. Mein echtes Kopfweh war augenblicklich abgetaucht, es blieb das metaphysische. Um einen Überblick zu geben, wie tief es reicht, wenn man so ein elegantes Wörtchen wie »metaphysisch« in einen Satz einflicht, verweise ich auf das Internet (metaphysisch, Synonyme für) – wer nicht nachschlagen will, dem gehen Bedeutungen verloren.

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18. März 2011

Waffenexport ohne Kriegshandlungen

Ich war schon so weit zu glauben, die Westerwelle hätte sich aufs Kürzertreten umgestellt, da erscheint er wieder, in der ganzen Größe seiner Peinlichkeit und gibt den friedvollen deutschen Außenminister, der resolut für Sanktionen eintritt, aber in keine „Kriegshandlungen“ hineingezogen werden will – zum Teil abgewägte Worte. 90% der Bevölkerung, sagt eine rasch angefertigte Studie von irgendwem, stehen zu dieser guten Entscheidung, und die LinkePunkt – solide Solidarität und Respekt vor einem „antikapitalistischen“ & „antizionistischen“ „Revolutions-Führer“ mögen tiefere Hintergründe sein als linker „Anti-Bellizismus“.

Kaum einer in Deutschland würde die Bedenken gegen einen Krieg, die er trägt und vorträgt, nicht teilen – er würde als ein kriegerischer Geselle dastehen – vielleicht gilt das nun für mich, da ich partout der Westerwelle in seiner Abwägung nicht zustimmen möchte. Krieg will ich auch nicht; er stand gar nicht zur Rede, auch der Einsatz von Bodentruppen wurde in keiner Resolution beschlossen oder erwähnt. Westerwelle sprach jedoch in seiner Ansprache ausdrücklich von Krieg; es war ein eingefügter, schnell korrigierter Versprecher, für die deutschen Zuhörer.

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15. März 2011

Keine Kehrtwende im wirtschaftlichen Betrieb

Günther Oettinger kündigt „Stresstests für alle Kernkraftwerke in Europa“ an. Gibt es dafür nicht die „internationale Atomaufsichtsbehörde“? Nein, die ist nicht zuständig, denn es gibt sie gar nicht, auch wenn sie zitiert wird. Aber sie wird beim Anforderungskatalog eines Stresstests mitreden und mitbestimmen. – Das ist eine Nachricht aus einem der vielen „Live-Ticker“, eine kurz zuvor gemeldete kommt aus Stuttgart:

Stefan Mappus teilte im Stuttgarter Landtag mit:

„Neckarwestheim I wird abgeschaltet – dauerhaft – und stillgelegt“

und betonte, es gehe bei dem gemeinsamen Beschluß (Betreiber und Regierung) nicht um die bevorstehende Landtagswahl.

„Ich mache keine Kehrtwende … Was wir tun, ergibt sich aus sich selbst heraus“.

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15. März 2011

Das lange Gesicht der internationalen Behörde

Gestern habe ich zum ersten Mal gesehen, daß der Ausdruck, er „machte ein langes Gesicht“ sehr treffend bildhaft ist. Das lange Gesicht war der Ausdruck eines Sprechers der IAEA, oft auch bezeichnet als „Internationale Atomaufsichtsbehörde“. Mag sein, daß wir Deutschen den Behörden abschätzig gegenüberstehen; grundsätzliches Vertrauen haben wir aber doch in sie. Das wird der Grund dafür sein, daß man die IAEA bei uns auch als „Behörde“ bezeichnet, obwohl es sich nur um eine Organisation handelt, die laut Satzung „den Beitrag der Kernenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit beschleunigen und vergrößern“ soll.

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13. März 2011

Von Kernschmelze ausgehen

Röttgen geht von einer Kernschmelze aus

überschreibt die Frankfurter Rundschau eine Pressekonferenz mit dem Umweltminister. Wohin führt ihn sein Gang? Von wo er ausgeht, wissen wir nun. Für unsere Zukunft wird wichtig sein, wohin er geht. Was er machen wird, haben wir spätestens seit der mißlungenen Einführung des „Biosprites“ E10 erlebt: Einberufung einer Konferenz, und alle Beteiligten und Kritiker, Autoindustrie, ADAC und Mineralölkonzerne darauf zu drängen, weiterzumachen wie bisher, lediglich die Anstrengungen in Bezug auf „Aufklärung“ zu erhöhen. Die Regierung schaltet ganz offen um auf: Propaganda. Das soll funktionieren, es ist das Mittel der Wahl, das gar nicht mehr verdeckt werden muß.

Von der Kernschmelze wird ausgegangen. Das Wort, das, wenn man schon geht, vermieden werden soll, heißt „Laufzeiten“. Deshalb spricht er mit genügend moralischer Verärgerung, eine erneute Diskussion über Atomkraft halte er für deplatziert –

für völlig deplatziert, um es ganz zurückhaltend zu sagen.

Deplatziert – wo wäre denn der richtige Platz? Nur ein paar Zentimeter daneben. Die ganze Zurückhaltung, mit er das zurückweist, verrät einen kaum verhaltenen Zorn darüber, daß eine Diskussion oder “Debatte” wieder aufkommen könne, welche die Regierenden für völlig abgeschlossen betrachten, seitdem sie punktum vertragliche Tatsachen geschaffen haben, an der noch weitere Generationen nichts mehr ändern sollten. ‚Darüber reden wir nicht mehr!‘ – so klingt es, wenn ein „Wirtschaftsexperte“ (!), Herr Fuchs, Parteimitglied, sagt: „Es ist nicht berechtigt, aus den Ereignissen in Japan Rückschlüsse auf die Nutzung der Kernenergie in Deutschland zu ziehen“. Nicht einmal die Berechtigung ist vorhanden, es fehlt uns die vertragliche Grundlage. Der Wirtschaftsexperte sagt nicht, daß es falsch sei, so etwas zu behaupten, auch wenn er es meint; er sagt nur die Wahrheit: es ist zementiert worden, und abgesichert. Das Restrisiko der Verantwortung werden gewiß nicht übernehmen: das Merkel, Röttgen, Fuchs u.a. wenn sie auch sonst immer gleich dazu stehen, was sie machen; im Ernstfall bekommen sie in schlechten Träumen nur graue Haare.

Was vermuten die Experten und Befürworter, die doch gerade erst alles so schön unter Dach und Fach hatten? Es klingt sehr deutlich heraus: daß die Gegner aus der Katastrophe Kapital schlagen könnten. Dafür zeigen sie moralische Entrüstung, die Kapital genug sein sollte – die stets und immer gut aussieht, gerade bei Männern und Frauen in Geschäftsanzügen – andere müssen sie nicht öffentlich demonstrieren. Kapital wird genug aus der Atomkraft gezogen! Das weiß die Regierung bestimmt sehr gut. Nur kein moralisches! Das wäre jetzt von Nöten, es eilt, denn es stehen Wahlen an.

10. März 2011

Alte Frische, neu

Hier entsteht demnächst:

Ein neuer Anfang


Nachdem ich aus Versehen meinen alten Blog beim Einrichten des neuen, zennn.de, von meinem Server gelöscht habe, denke ich tagtäglich an einen großen neuen Anfang, nicht nur im Schreiben, sondern auch gleich in allen anderen Bereichen meiner Persönlichkeitsentfaltung und -aufwicklung.
Wiedereröffnungen im Frühling, zum Beispiel von Eisdielen, werden mit Schildchen, auf denen steht: in alter Frische oder gar: in gewohnter alter Frische beworben. So wird es hier nicht sein. Die Frische zieht immer noch zum Fenster herein, das Alter und die Müdigkeit – stehen vor der Tür (wo sonst). Gelegentlich klopfen sie an und bitten um ein kurzes Bibelgespräch, aber noch kann ich der Versuchung widerstehen und mache die Türe ohne ein Widerwort zu, freundlich nicht, nur ein wenig belästigt. Mit Gelesenem gelingt mir das nicht, es fordert mich zu Gesprächen auf – innere Monologe werden die – keine Selbstgespräche!

Der Frühling ist bei mir noch nicht angekommen, dennoch, insgeheim denke ich an einen Anfang, ich muß! Der Winter zieht aus meinem Herzen nicht aus. Das hat mit meinen Lektüren zu tun.

Angeblich liegt Magie in jedem Anfang. Und Magie soll es sein, die all die Schlagzeilen, die mich doch beschäftigen, wieder bannen, in die Zeilen, die ich dann vor mir auf dem Bildschirm sehe.

Deshalb: Hier entsteht demnächst: Ein neuer Anfang