31. Juli 2009

Geisterspazier

Beim Abendspazier mit dem Hund, zwei bis drei Stunden vor Mitternacht, kam ich an einem schwarzen Golf vorbei, aus dem ein schmales gelbes Gesicht herausleuchtete. Noch bevor ich erkannte, daß ein Handy, auf dem Finger herumfummelten, die gespenstische Beleuchtung abgab, erspähte mich das Gesicht, große finstere Augen sahen mich beunruhigt an, unmittelbar darauf hörte ich das Klicken der automatischen Türverriegelung. Ein paar Meter weiter an einer Kreuzung blieb ich stehen, wartete bis Moreno nachgetrottet kam. Auf der gegenüberliegenden Seite gingen andere Abendspazierer, an der Leine etwas kleines Weißes wie eine Katze. Ich blieb stehen, erspähte ob Gefahr bestünde, daß mein gefräßiger Hund vielleicht zum Jagen anfinge, dann ging ich rüber – und hörte sogleich einen mächtigen Aufschrei, gefolgt von einem weiteren Schrei: „Haben Sie mich erschreckt!“ und: „Hast Du mich erschreckt!“ Mich selbst hörte ich ganz leise entschuldigend sowie erklärend sagen: „Das ist mein schwarzer Hut.“ Der Hut ist unschuldig, im tiefsten Innern weiß ich‘s.

Bild: Geist mit Hut

(Pabblissitifoto meines Hutes mit mir in verlorener Halbprofilansicht auf einem unveröffentlichten Cover)

Andererseits kann ich es auch nicht akpetieren – ich weigere mich! – anzunehmen, daß es nur mein Aussehen ist, das ein selbst als Gespenst erscheinendes Wesen dazu bringt, alle Türen wie aus einem natürlichen Affekt heraus zu verriegeln.

Weiterlesen

19. Juni 2009

Unterm Frischgeldregen

Jeden Tag kann man mit jedem Wetter rechnen, es scheint die Sonne, es ist windig und es regnet. Neulich als ein Platzregen mich beim Schlendern übergoß, erinnerte ich mich an Die Regierung, die im Herbst vergangenen Jahres viel von Schirmen, die sie aufspannen möchte, verlauten ließ. Ich war schon nach ein paar Sekunden völlig durchnäßt. Das macht aber meiner Natur wenig aus, einem gnadenvollen Optimisten ist es Gewißheit, daß auf Regen Sonnenschein folgt und ihn der heftige Wind, der an keinem Tag ausbleibt, bald wieder getrocknet haben wird. Ist das Gewitter vorüber, sage ich stets: es war reinigend!

So geschieht es auch im Paralleluniversum der Finanzwelt. Wirtschafts-Experten nennen die Krise auf dem Finanzmarkt ein reinigendes Gewitter, das längst überfällig war. Während auf unserer Erde die frische Luft wie von nirgendwo nachgeschoben kommt und einfach da zu sein scheint, noch, ist es in der Finanzwelt anders, sie fordert dringend benötigtes »Frischgeld«, das ihr mit Finanzspritzen injiziert werden soll. Wer im Internet nach einer Erklärung für das Wort „Frischgeld“ sucht, die nicht naheliegend ist (zumindest mir), daß es aus Geld-Wasch-Anlagen kommt oder aus Steuerparadiesen fließt, wird enttäuscht sein: es scheint dem umgangssprachlichen Wortschatz der Finanzwelt zu entstammen, und scheint nichts anderes zu bedeuten als „Mehr mehr mehr!“ Frischgeld steht verbrauchtem Geld gegenüber wie Frischluft abgestandener Luft.

Weiterlesen

31. Mai 2009

Keine Grundrechte bitte

Ich habe ein Interview aus einem Film abgetippt und weiß nun nicht, ob ich das alles zitieren darf, wer ein Copyright auf den gesprochenen Bandsalat hat und warum der Inhalt noch immer keiner Zensur unterliegt. Wer nur Mist redet, darf das für sich behalten, erst wer Mist macht, ist der wahre Handelnde, das Vorbild für Verehrer von Gestaltern der Zukunft, und gehört der Allgemeinheit vorgeworfen. In diesem schnell hingeschriebenen Sinne füge ich etwas Perverses in meinen harmlosen Spaßblog ein. Da es sich beim Inhalt um etwas durch und durch Pervertiertes handelt, erwarte ich Zensur und ein Stop-Schildchen.

Das Perverse habe ich aus dem Film »We feed the World« abgetippt, den man öfters sehen sollte, zumindest aber zweimal, denn sonst überhört man die letzten Worte, die „ein Verantwortlicher der Nestlé-Gruppe“ der Menschheit ankündigt. Wie dieser Mann heißt, spielt keine große Rolle; es ist nicht die Person, die spricht, sondern die Position. Der Mann ist ein Strohmann, aber keiner, der vor Hintermännern steht, sondern einer, der ins Feuer läuft, und den Zuschauern sein Verbrennen für Leben verkauft. Dabei ist sein Geschäft andern das Wasser abzugraben:

Weiterlesen

28. April 2009

Zwei Null

Der Fortschritt ist eine Bewegung nach vorne. Auf seinem Weg ist er unaufhaltsam und unbeirrbar. Der Weg ist allerdings kein bestimmter, weder darauf noch am Rand liegt etwas, der Fortschritt bastelt sich seine Umgebung selbst. Das unterscheidet seinen Weg von unserem, dem Lebensweg. Der will manchem vorgezeichnet erscheinen, vorausgeleuchtet von Sternen, von karmischen Verknotungen verwirrt oder von Gott verleitet. Man braucht, sagt gängige Lebensweisheit, ihn nur zu finden, dann kommen die Dinge, die einem begegnen sollen sozusagen entgegen. Dem Fortschritt begegnet nichts – was sich ihm entgegen stellt, das übergeht er, und blickt er einmal zurück, dann nur mit Spott: ein paar Schritte hinter ihm war nichts weiter als Steinzeit. Man könnte fast meinen, sie folgt ihm auf dem Fuß.

Im Kleinen hält mich der Fortschritt am Computer mit Software-Updates auf Trab. Bei mancher Software, mit der ich arbeite, warte ich auf den nächsten Schritt, die nächste Version; bringt doch jede Version eine Verbesserung meines »Work flow«, »Bugs« wurden »gefixt« und Fehler, die ich nie bemerkte, sind nun ausgemerzt. Wie genau es Software-Entwickler mit Fehlerbehebung nehmen können, lese ich aus der Version des Flash-Players, (das ist die Software, mit der man die überflüssigen Flash-Animationen [deshalb steht darunter auch oft: „Intro überspringen, hier klicken“] betrachten kann): 10.0.2.22.87. Wer seine Arbeit ordentlich macht, der muß zugeben: irgendwann hat jede Arbeit eine derartige Nummer, nur: veröffentlicht wird sie nicht. Da aber Software ein öffentliches Projekt ist und der Entwickler ohne die Mitarbeit des Benutzers gar nicht weiterentwickeln könnte, haben wir alle Teil an einem nie endenden „work in progress“. Das ist schon beinahe der Fortschritt selbst.

Weiterlesen

1. April 2009

Schärz

Ein Erster April kann vorübergehen ohne daß man auf die Besonderheit dieses Datums aufmerksam geworden ist. Heute sagt niemand mehr zu mir: »Schau mal zum Fenster raus, dort fliegt eine blaue Kuh.« Blaue Kühe sind Wirklichkeit geworden. Mancher sehr Jugendliche hält laut einer Studie (wahrscheinlich war‘s nur eine Umfrage in der Familie) die »Milka-Kuh« für einen naturgegebenen, Schokolade produzierenden Almbewohner. Möglich, daß ich das am 1. April gehört oder gelesen habe, möglich, daß die befragten Jugendlichen jeden Tag für den 1. April halten und unwillig sind, vernünftige Auskünfte über ihren Wissenstand zu erteilen und allen weiteren Pisa-Studien-Studierenden eine Nase drehen.

Hätte ich heute nicht wieder einmal die Zeitung duchgeblättert oder wäre nicht online gewesen, dann hätte sich der Tag, den man als den Tag des freiwilligen Humors bezeichnen darf, ganz ohne Witz blaß und bleich einfach aus meinem Leben verabschiedet.

Weiterlesen

17. Februar 2009

Die vertagte Auslegung

Abkupfern heißt heute Koppi-änd-Päist (der »Eindeutscher« sagt: Kopieren & Einfügen). Es bezeichnet eine Arbeitsweise mit der gelegentlichen Zeitungsberichten zufolge bereits Schulabschlußarbeiten „geschrieben“ werden sollen. Schüler und Studenten bedienen sich ihrer zur „Erschleichung besserer Noten durch unerlaubte Hilfsmittel“ (so umschrieb es einmal ein Lehrer). Früher hieß das „Abkupfern“, und war, noch früher, ein Handwerk, das dem Kupferstecher zugeordnet war. Abgekupfert wurde mit einem feinen Stichel; heute macht das die ungleich gröbere Maus, deren Einführung nahezu die gesamte Arbeitswelt verändert, »revolutioniert«, hat.
Der Kupferstecher war einstmals ein Künstler, der sein Handwerk beherrschen mußte, und schon beim oberflächlichen Betrachten mit Stümperei durchfiel. Dem abkupfernden Copy&Paster ist schwerer auf die Schliche zu kommen. Er ist vornehmlich ein Quellenforscher, der nur die Ergebnisse seiner Nachforschungen bekanntgibt, seine Quellen aber verschleiert.
Wenn es auch anders aussieht, Copy&Paste ist in diesem Blog nicht die Arbeitsmethode; hier wir noch von Hand eingetippelt. Meine Quellen liegen offen, sind Open Source, die allerdings nicht immer munter im Internet sprudeln, sondern sich auch als Druckerschwärze auf dem Papier verfestigt haben.

Weiterlesen

12. Januar 2009

Befrager antworten mit Premium-Komfort

Eine unbedeutende An-den-Rand-Geschrieben-Notiz machte mir am Wochenende erneut mein verkümmertes Gefühlsleben deutlich. Einer eingängigen Studie zufolge soll es Menschen geben, die 20 Jahre lang dauernde Euphorie empfinden können. Nehmen sie zu viel Ecstasy oder leide ich an Bua- oder Boa-Lecithin-Mangel, ist in meiner Waschseife zu wenig Ringelblumen-Extrakt, schwimmen in meinem Mittagssüppchen zu geringe Spuren an wertvollen Spurenelementen? Ist meine Aufnahme an wertlosen Mineralien und Ballaststoffen zu groß oder zu klein? Selbst die tägliche Prise in alles vermengte Geschmacksverstärker bringt mich nicht in Hochstimmung.

Mauerfall: Euphorie weg hieß die Überschrift. Wenn Mauern fallen, können Leute begeistert sein, kann ich mir vorstellen; innere Mauern soll man erst gar nicht haben, sie sind für den freien Menschen eine Schande, und deshalb werden Mauern immer wieder fallen. Also kein Wunder, daß die Euphorie über gefallene Mauern irgendwann mal wieder weicht. Es kommt ohnehin sehr darauf an, wo man gerade sitzt, wenn die Mauer fällt.

Weiterlesen

31. Dezember 2008

Käsepapst in Qualitätsdiskussion

Vom Käsepapst Antony hätte ich mir ein Video auf Spiegel online ansehen können. Es wurde dort versprochen, daß er den Genuß »zelebriere«. Ein Filmchen in minderer Qualität über meinen Bildschirm ruckeln zu sehen, bespaßt mich aber wenig, ich lasse den Käsepapst beim Spiegel, der ihn offensichtlich produziert hat. Ich bin nur froh, daß er nicht Benedikt heißt. Das würde mich beleidigen, denn ich bin in päpstlich geehrtem Umland zur Welt gekommen und darf mich daher irgendwie verwandt fühlen.

Päpste sind nicht so singulär wie man‘s meinen könnte. Vor einigen Jahren tauchte ein anderes Papst-Double in den Schlagzeilen auf: der Sexpapst. Man hört nichts mehr von ihm. Ich nehme an, daß er seiner päpstlichen Beschäftigung nachgeht – ein Papst kann nicht in Rente gehen, es sei denn Altersschwäche übermannt ihn.

Das beweist der Literaturpapst. Der sorgte für den Fernseh-Höhepunkt des Jahres 2008: seine Schmähworte stießen eine Diskussion an, die stets als Qualitätsdiskussion beschrieben wurde, Diskussion der Qualität, nicht Qualität der Diskussion (die aber auch bemängelt wurde).

Weiterlesen

23. Dezember 2008

Krsms überzeugt

Vor ein paar Tagen saß ich für eine Stunde in einem Kaufhaus fest und durfte Kleider beurteilen. Mir wurden Kaffee und Prosecco angeboten, damit mir die langelange Zeit des Wartens angenehm würde. Auf dem Sofa, in dem ich fläzte, lagen Kinderspielsachen und Auslegeware zum Lesen und Betrachten für Männer. Keine Männermagazine im engeren Sinne hielten die Geschäftsinhaberinnen für das männliche einkaufsbegleitende Personal parat sondern lediglich Autoinfolektüren, an denen ausgerechnet ich wenig Spaß finde. Automagazine sind ähnlich zu lesen wie Sportreportagen, sie überraschen selbst den tiefgründigsten Leser noch mit neuen Einsichten – natürlich habe ich, tiefgründiger Leser, ausgerechnet jetzt keine parat; klare und schlüssige Einsichten verschwinden bei mir ziemlich schnell in den Abwasserkanälen, die mein Hirn durchspülen.

Neben dem Sofa stand ein Spiegel; immer wieder erstaunt über das mürrische Gesicht, das drüben in den von mir gesehenen Spiegelwelten lebt und mich ansieht, erkannte ich mich schnell wieder, als es sich im Profil zeigte. Der Satz aus der Zeitung, die ich aufgeschlagen hatte, paßte darauf: Charaktergesicht und seitliches Profil bilden die Schokoladenseiten. Gebildete Schokoladenseiten im Profil, nie zuvor erblickt, nun vor meinem geistigen Auge. Ich kann mir das vorstellen. Eine Seite weiter las ich im Männermagazin: Der aufgeschnittene 15er überzeugt. Autos verstehe ich nicht und Autojournalisten noch weniger, und einen 15er kann ich mir aufgeschnitten nicht vorstellen, einen 17er vielleicht.

Weiterlesen

22. Dezember 2008

Abgehört & zwangsverwertet

Über 250.000 Aufrufe »für totale Überwachung« gab‘s bis heute. Schäubles »Vorstöße« sind nicht mitgezählt, denn es handelt sich nur um Aufrufe eines Videos, das Frau Doktor Angela Merkel auf einer Kundgebung im CDU-Wahlkampf 2006 in Berlin-Steglitz, Kranoldplatz zeigt. Das Video wurde vor einem Jahr auf YouTube ins Netz eingestellt, lese ich, auch die Kommentarfunktion wurde vom Einsteller inzwischen eingestellt. Er schreibt dazu: „Ist ja eh schon alles gesagt, und zwar wahrscheinlich auch von jedem.“ Ich hab‘s zu spät entdeckt. Will aber auch zu jedem gehören, also hier der Kommentar des 251.152sten Aufrufers.

Was Überwachung betrifft, hielt ich bislang das Schäuble für relevanter. Das Schäuble spricht eckig und wie unter Zwang, das Merkel dagegen redet fließend wie „der kleine Mann von der Straße“, der mit dem gesunden Menschenverstand; sie ist eine von uns ist, eine ganz Brave.

Es gibt viele Begründungen für Überwachung, wie sie uns von der Presse mitgeteilt werden, und es gibt auch viele die behaupten, wo die Möglichkeit zum Mißbrauch bestehe, dort werde sie begangen – sie haben wieder mal gar nicht recht. Was wir Ängstlichen als Mißbrauch bezeichnen, ist keiner, es ist Sinn und Zweck, nicht Mißbrauch sondern bald Brauch.

Ich habe das Merkel abgehört! und dabei mitgetippt, damit man beim Lesen mit eigener Stimme an Merkels Stammtisch dabei sein kann und mitreden kann im Wir-Gefühl eines verantwortungsvollen Politikers:

Weiterlesen