25. September 2008

Werbungsunterbrechung durch Film

Ich habe wieder ein bißchen Werbung zu mir genommen, weil ich vergessen hatte wie ich mein Leben bueno machen konnte, und: weil ich‘s mir (oder ich mir‘s) wert bin. Ich schaltete das Fernsehgerät an, das einen zentralen Platz in meiner Wohnung und meinem Leben innehat und genoß meine Ration Lebens- und Produktberatung. Leider wurde die Werbung immer wieder unterbrochen durch Filme, bei denen ich mich nicht aufhalten wollte.

Da war zum Beispiel der Film über einen jungen Massenmörder, ein sentimentales Epos mit vielen edlen und vielen bösen Leuten, ja, ein Film aus Hollywood. Ich kam gerade von der Schokolade für Kinder, mit der ich mein Leben bueno (oder boing?) machen kann (jetzt weiß ich‘s wieder wie ich‘s mache: einfach nur kaufen), da tauchte dieser junge Mann auf, ein jähzorniger Hitzkopf, der gerade schwere Träume durchlitt. Er träumte, daß seine Mutter in Gefahr sei. Er lag bei seiner Prinzessin, die auch in Film-Wirklichkeit eine Prinzessin war. Vor kurzem erst hatte er ihr gestanden, daß er keinen Augenblick seines Lebens mehr ohne sie atmen könne (darüber sollte man nicht lachen, zumindest nicht ich, denn ich hab‘ das auch schon mal einer Prinzessin verkündet, in ähnlicher, aber doch weniger atemberaubender Form). Man kann sein Leben auch bueno machen, dachte ich, ohne Schokolade, mit Liebe.

Der junge Mann im Film machte wieder mal eine Prüfung durch, die er nur halb bestand: Als er seine Mutter bei den Entführern, die in Zelten lebten, entdeckte, war er gerade noch rechtzeitig gekommen, um sie in seinen Armen sterben zu sehen. In kriegerischen Filmen wie auch in christlichen Leitlebensleidensbildern und -geschichten ist es oft umgekehrt. Großer Schmerz kam im jungen Mann hoch, so groß tief und weit, daß ihn einer seiner Lehrmeister, weiser als das Philosophische Quartet, aber weniger redegewandt als das Literarische, aus großer Distanz verspürte. Er sagte: „Großen Schmerz ich spüre. Etwas Schreckliches ist geschehen!“

Weiterlesen

12. August 2008

Einladung zum Lindwurmrennen

Schlagzeilen gehören zu meinem größten Lesevergnügen. Sie sind kurz, sie veraltern kaum, können anspruchsvoll sein und sie fordern die Phantasie heraus, wenn sie mißverständlich sind. Manche können ohne Zusammenhang gelesen werden, andere stehen über jedem Inhalt. Die Grammatik von Schlagzeilen ist simpel, ähnlich sogenannten primitiven Sprachen, die Wörter aneinanderreihen ohne sie mit komplizierten Regeln untereinander zu verbinden – das macht sie interpretierbar in viele Richtungen.
Schlichter gesagt: Sie gefallen mir, ich muß sie lesen.
Nicht allzu oft lese ich über sie hinaus, oft verfehlen sie die Funktion, mich zum Weiterlesen anzuregen; die besten helfen mir kurze geistige Höhenflüge zu unternehmen, für die in meinem grau-grauen Alltag keinerlei Anlaß vorhanden ist. Eine gute Schlagzeile ist wie ein Flugzeug auf einer Startbahn; unter der Bedingung stimmt der Vergleich, daß man den Text darunter nicht liest – man landet sonst in Mord, Totschlag, Korruption oder fröhlichen Nachrichten vom fröhlichen Bären im Zoo.

Weiterlesen

11. August 2008

Sofortnachricht und Hungermacher

Die Sofortnachricht
Manchmal überkommt mich Müdigkeit & ein bißchen Melancholie, wenn ich an tägliche Nachrichten denke. Müdigkeit, denn irgendwie ist bei all der Vielfalt ein Gewöhnungs- oder Suchteffekt nicht zu vermeiden, die Ereignisse scheinen sich anzugleichen. Melancholie, weil gegen das was woanders sich alles abspielt, mein eigenes Dasein nur ein bloßes Dasein zu sein scheint. Aufpeppen könnte mein Leben die Sofortnachricht – sie fiel mir beim gestrigen Spaziergang ein. Sie scheint mir noch effektiver sein zu können als jegliche Art von Njus in einem Info-Kanal, im Internet oder auf einem AppleFoun. Wer nicht zwei oder drei Sekunden warten kann, um Geschäfte zu tätigen, der wird sie willkommen heißen. Womöglich gibt es sie schon und heißt: Instant-News; aber ich meine etwas anderes als instant news. Die Sofortnachricht dringt tiefer ein in mein Leben; ich will sie, sofort und ohne Umstände. Nachrichten habe ich bislang immer zu spät erfahren, nach dem Ereignis. Mit der Sofortnachricht bin ich dabei, unmittelbar: ist irgendwo ein allgemein wichtiges Geschehen am Entstehen, das sich zum Beispiel zu einem Unfall mit Toten entwickeln kann, wird es mir sofort mitgeteilt. Die Sofortnachricht ist vielleicht das Leben selbst, um ein vielfaches ereignisvoller als das eigene. Ich muß im eigenen Leben keine Zeit mehr mit sinnloser Aktivität, die zu nichts führt, verplempern, die Sofortnachricht läßt mich immer dann aufwachen, wenn etwas geschieht. In mein eigenes Leben bringt sie Ruhe; ich kann schlafen bis etwas geschieht.
Das Allgemein-Gültige dringt tiefer ins Innerste meiner Person durch sie und stellvertritt meine eigene unbedeutende, weil zu persönliche Meinung und Teilhabe am öffentlichen Leben; Privatsphäre ist nicht nur mir sowieso suspekt. Die Sofortnachricht könnte ein weiterer Meilenstein in die richtige Richtung der Vernetzung allen Denkens und Seins sein**. Führen wir sie ein, denken wir sie!

** Das hier neu entstandene Sein-Sein verhält sich womöglich zum Sein wie die Sofortnachricht zur Nachricht. Dem muß nachgegangen werden.

Die Hungermacher
Las er das irgendwo? Oder hatte er es aus Zorn erfunden. Mir ist heute nicht mehr in Erinnerung, was er damit meinte, als er es am Telefon sagte. Sicherlich keine herbeigeführte Ernährungskrise am eigenen Herd hatte er gemeint. Ich kann eine globale Verschwörung dahinter sehen oder auch ganz banal nur global handelnde Geschäftemacher an der Börse. Die Hungermacher sind für manchen vielleicht nur Appetizer, Appetitanreger für mehr, Häppchen auf einer großen Verteilungsparty.
Mich machen sie unzufrieden: sind sie selbst satt oder hungern sie? Ich muß es wissen, bin hungrig nach mehr!

2. August 2008

Umstellerei

Wie oft ging ich von Zimmer zu Zimmer, sah mich um nach dem geeigneten Platz, an dem ich arbeiten konnte! Hatte ich ihn gefunden, begann ich umzustellen, zerrte den schweren Tisch durch den Gang, stellte ihn hoch, damit er durch den Türrahmen paßte, zog ihn zum neuen Platz und ruckelte so lange herum, bis er richtig stand. Dann holte ich den Stuhl und alle Utensilien, die ich benötigen würde; möglichst wenige: auf leerer Platte sollte ich wieder zu arbeiten beginnen. Ich zog herum, weil sich unnötige Dinge um mich herum anhäuften, die sich nicht ohne weiteres beseitigen ließen. Reinen Tisch machen war zur Manie geworden, vor der sich nicht flüchten ließ: vor meinen Fluchten konnte ich nicht fliehen. Dann begann ich meine Arbeit vorzubereiten, die nichts anderes sein sollte als die Worte, die sich beim Spazierengehen oder wo immer so gut gefügt hatten, daß ich daran glaubte, Gedanken zu haben, die der Formulierung wert wären. Es kam nicht weiter, als daß ich mich davor setzte, vor den Computer und meine Datei der fortlaufenden Notizen vor mir sah, nur um weitere Notizen hinzuzufügen. Zufrieden damit beendete ich das Programm; beim Überfliegen, beim fehlerhaften Eintippen schon war ein neuer Text entstanden, im Geiste, weiter brauchte ich wieder einmal vorerst nicht zu arbeiten, so lange nicht, bis die richtige Zeit kam. Wie sehr, ja wie lange bereits sehnte ich mich nach der Formulierung!

Die richtige Zeit, das weiß ich, ist jetzt, stets jetzt. Der richtige Ort war das Problem, an dem ich herumlaborierte. Ich war der „richtige Mann“ – noch am falschen Ort. Die Magie der Orte, die ich vom Verstand her verneinte hielt mich fest. So zog ich in dieser Wohnung, in jeder noch, in der ich arbeitete, von einem Zimmer zum andern und in jedem Zimmer selbst stellte ich um, an Fenster, vom Fenster weg, mit dem Rücken zur Türe, mit dem Gesicht zur Tür. Ich fühlte den richtigen Platz, ich fühlte den falschen. Mit der Zeit kam ich zur Gewißheit am falschen Platz zu sein. Blickte ich zurück auf mein Leben, wurde es zur Gewißheit: nicht die Zeit war falsch, nicht die Person, sondern der Ort. Ich habe es bereits auf anderen Kontinenten versucht, habe es auch schon mit dem Ort versucht, an dem es liegt, der Ort in meinem Kopf. Dieser Ort ist hier, bei mir selbst. Bei mir selbst bin ich falsch.

Bei mir selbst – kann ich nicht arbeiten. Im Laufe der Jahre habe ich mir die Sicht auf mich selbst angewöhnt, als wäre ich nur eine Linse, nur ein Auge, vom Auge nur die Pupille, die Linse, die das Licht bricht. Weder bin ich die Innenwelt, die das Licht empfängt und daraus eine Welt formt, eine abgebildete, noch bin ich die Welt außerhalb, von der das Licht kommt. Daß ich mein Innenleben von meinem äußeren unterscheide liegt am Ort meines Ichs. Ich suche ihn, gehe nur ein paar Meter weiter, setze mich. Alles kenne ich seit langem. Ich muß das Auge zu etwas anderem machen: Das Auge nimmt auf und gibt nichts heraus. Meine Vermutung ist seit längerem, daß dies falsch ist. Es geht Licht vom Auge nach draußen.

Heute bin ich wieder so weit, mir einen anderen Ort zu suchen, meinen Schreibtisch nur ein weniges zu drehen, um 90 Grad. Ich muß mich bewegen in diesen Zimmern, die mein eigen sind.

30. Juli 2008

Traumhaftung

Ich gehöre zu denen, die Träume nicht verwirklichen. Während mancher, von dem ich lese, offenbar ein traumhaftes Leben führt, bleibt mein Lebenstraum ein Traum. Mein Leben ist kein Traum, ich bin kein Träumer!

Täglich habe ich ein paar Träume, an die ich mich erinnere, seit Jahrzehnten; täglich erwache ich aus den merkwürdigsten Welten und finde mich dennoch wieder zurecht hier, in dieser im Vergleich stabilen und daher auch etwas trägen Umwelt.

Ungern erzähle ich meine Träume, sie scheinen mich in meinem Versteck zu verraten. Einem Freund erzählte ich mal einen. »Oooh! das läßt aber tief blicken«, sagte der Freund. Über die Tiefe befragt, zuckte er nur die Schultern. Entweder wußte er nichts Tiefes über mich zu sagen, oder er hatte Angst, daß ich, was er über mich sagt, ihm umdeute zu nichts weiter als Eigenauskünften, von der Art: »Du spiegelst Dich in mir!« Das kann einem Deuter passieren, Propheten sollte man das einmal so ausdeuten.

Gewiß ist mir: Träume lassen tief blicken. Der vom Träumen Betroffene, der Träumer selbst hat meist keine Ahnung davon – würde er sonst träumen, uns davon erzählen und uns seine Wirklichkeitsentfremdung so offen beichten? Die meisten Träume werden vergessen. Das scheint gut so zu sein, wer wollte von jedem seinen geheimsten Traum wissen? Er könnte sich als zu alltäglich entpuppen; das will keiner von seinem Traum, sonst wär‘s ja nichts als ein Traum.

Weiterlesen

23. Juli 2008

Durch Anschlußkauf Humankapitalist

Beim Spaziergang fielen mir heute zwei Worte ein. »Der Humankapitalist« ist das eine, das andere »der Anschlußkauf«. Ob ich das meine kreative Ausbeute vom heutigen Tag nennen darf, werde ich später bewerten, nach dem Gute-Nacht-Gebet und der eindringlichen Rede mit meinem guten und schlechten Gewissen. Es plaudert mit mir, einer alten Gewohnheit aus Beichtstuhlzeiten folgend, dann und wann über vertane Stunden in meinem Leben, und stiehlt mir dadurch weitere wertvolle Zeit, die ich sinnvoller mit Plänen für einen gesellschaftlichen Aufstieg gefüllt hätte. Immerhin zeige ich mich hier schon so getrimmt am Ende eines guten Tages von der Tagesausbeute und Auswertung zu reden: Was hat mir der Tag gebracht? Zwei Worte.

Der Humankapitalist muß nicht erst noch geboren werden. Er lebt schon unter uns. Ich will das Wort gar nicht erklären, denn erstens ist es mir vor kurzem erst in den Sinn gewandelt, und zweitens erklärt es sich fast von selbst. Mein unterbewußtes Sein hat es schlicht nur abgeleitet aus einem marktliberalen Formelkoeffizienten, dem Humankapital, das heutzutage niemand mehr braucht, es sei denn, es wird freigestellt, und fährt so erst, als Kapital, den Zins ein.
Fast war ich beleidigt, daß mir ein anderes Wort, das in Zusammenhang mit dem Humankapitalisten stehen könnte, nicht selbst eingefallen war, als ich auf der Seite eines durch viele Parteien wechselnden Politikers das Wort Arbeitsplatzbesitzer fand. Unter einem Besitzer kann man sich jemanden vorstellen, der im Grunde nichts tut – so eine Vorstellung flößt mir ganz unschuldig diese Schöpfung ein. Ein Arbeitsplatzbesitzer ist das neoliberale Wort für das was früher ein Arbeiter war. Als Arbeiter tut der Arbeiter noch etwas, als Arbeitsplatzbesitzer macht er sich breit, stellt sich seiner Freistellung entgegen, »einseitig begünstigt durch eine Koalition aus Gewerkschaften und Sozialpolitikern«.
Da sollte sich der Humankapitalist, für den obiger Politiker ein hochbezahlter Propagandaredner ist, seiner eigenen Tugend besinnen, auf das Besitzen, und wie schön es ist, nichts zu tun (was er vom Arbeistpaltzbesitzer abschaut). Aber das wird er sich verbitten. Kapital anzuhäufen ist eine Heidenarbeit; nicht nur für den, der‘s schon hat.

Weiterlesen

23. Juli 2008

Weltweite Empörung – ähnliche Seiten gefunden

Es ist nicht das »Bundesinstitut für Risikobewertung« sondern der »Spiegel«, der in einem Artikel über die Geschichte weniger der Unterdrückung als der Wunderwaffe der Frauen: den BH / Wonder-Bra, schrieb: »Weltweit setzten Männer Autos gegen Laternenpfähle«. Es war damals als das erste Plakat eines Wonder-Bras der Welt gezeigt wurde klicken zu einem Bild des Wunderbüstenhalters mit Inhalt).

Vielleicht schrieb den Artikel eine Spiegel-Moddl-Autorin, der es gefallen würde, wenn es so geschehen wäre, vielleicht schrieb ihn ein viriler Kollege, der hinter diesen seinerzeit erfolgten, aber von der Öffentlichkeit nicht genug wahrgenommenen Laternenpfahl-Anschlägen steckt. Ich weiß nicht, ob das im Artikel Erklärung fand, denn ich habe außer der erwähnten Zeile wieder einmal nichts gelesen. Diese ließ mich aber gleich aufhorchen. Vielleicht gab‘s etwas worüber ich mich empören konnte.

Ein schnelles Guugln über »Weltweit« brachte eine Menge fast gleichlautender Nachrichten, an oberster Stelle das Wort »weltweite Empörung«, dieser Tage über: Diktatoren, und ihr Handeln vor allem. Worüber unser Gutes den Kopf schüttelt. Und man liest, die zumeist und zuerst Empörten sind Politiker, sie haben darauf eine Art Erstvermarktungsrecht. Empörungsveröffentlichungen könnten dem Zweck dienen dem gesunden Menschenverstand ein Wort zu reden. Den laut Empörten und den Empörungslesern verbindet ein gemeinsames Kopfschütteln. Auch ich empöre mich oft, selbstverständlich. Schnell ist mein Gutes wieder weg, die öffentlich gemachten Empörungsträger tragen es mit sich, wenn sie wieder anderes von sich hören lassen. Politiker höchsten Ranges haben eine Waffe staatstragende Empörung zu äußern: in schlimmen Fällen (zu denen Kriege, die sie mit Waffenlieferungen fördern, nicht gehören) senden sie »diplomatische Noten« aus ihren Häusern aus, oder bestellen Botschafter in diese ein.

Das kann ich leider nicht, würde es gerne tun. Unzufrieden über meine Empörungssituation klicke ich im Internet weiter auf »Ähnliche Seite finden«. Was ich da alles finde, es ist nicht nur zum Kopfschütteln, sondern auch zum Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen. Nach ein paar Klicks und Kicks bin ich wieder beim In-den-Spiegel-Schauen. Vielleicht sollte ich den Link zur Wonderbra-Bildserie anklicken.

21. Juli 2008

Nichts als Unsinn

Das ALS hat unsere Identität erfaßt. Das Als ist eine Ableitung vom großen All, es ist allüberall. Mit dem All können sich nur Ausnahmegrößen identifizieren, für die anderen gibt es das Wort ALS. Ein Beispiel: Eine junge Frau sagte letzte Woche aus, daß Spargel eine vorzügliche Nahrung sei, und daß besonders der regionale Spargel eine besondere Qualität habe. Was brachte die junge Frau dazu, das zu behaupten und was die Zeitung dazu, es als zitatwürdig zu veröffentlichen? Das Als! Als Spargelkönigin nämlich hatte sich die Dame geäußert.

Wir hören und lesen solche Fragen oft, die ähnlich lauten: Was sagen Sie, Herr X als … Wetterspezialist, als Wirtschaftsfachmann, als Psychologe zu …

Es sind Expertenmeinungen, die zu unserer Meinungsbildung herangezogen werden. Auch expertenfremde Meinungen von medienbekannten Persönlichkeiten sind beliebte Als-Äußerungen. Um nur drei mögliche Beispiele aus dem Sportwesen zu erfinden, frage ich hier: Was sagen uns Boris Becker als Kammerjäger, Franz Beckenbauer als Steuerexperte, oder Günther Netzer als Filosof?

Weiterlesen

15. Juli 2008

Endlich: Gefühlt

Das Fühlen spielte bislang in der Nachrichten- und Tatsachenwelt eine untergeordnete Rolle, so habe ich es gefühlt. Seit heute fühle ich mich besser: ein Sieg ist für das Fühlen errungen worden! Die Welt steht vor einer kleinen Revolution, von der heute fast nur noch diese Gutmenschen träumen und reden, die früher einander auf Demonstrationen die Hände hielten (in den Redaktionen wurde diese verweichlichte Menschengattung aus vergangener Epoche zu Marktliberalen evolutioniert). Gesiegt hat nur, wie‘s oft geschieht, einer über einen anderen, in einem Spiel, in Wimbledon allerdings. Das ist nicht das neue, revolutionäre, das mich so begeistert: Mehrere onlein-Medien zugleich berichterstatten uns von einer neuen gefühlten Nummer Eins; morgen wird‘s gedruckt überall nachzulesen sein.

Welche Auswirkungen wird der gleichzeitige Gefühls-Tsunami, der über die onlein-Redaktionen gerast ist, auf uns Lese-Endverbraucher haben? Wir werden endlich lesen dürfen, was wir fühlen, und nicht mehr nur was wir fühlen sollen! Zumindest kann uns die Leseerwartung erfüllen, endlich mitzubekommen, was unsere Deutungshoheiten fühlen, wenn sie zum Beispiel schwitzen, bei dem was sie schreiben müssen: gefühlten Druck vom Schäff vielleicht. Neue Nachrichten werden in unsere Welt Eingang finden: wir werden auch beim Zeitunglesen wieder fühlen dürfen, und nicht nur wenn wir uns täglich einseifenopern. Den Redaktören bietet sich eine neue Schreibwelt. Sie werden das schreiben können, was bislang nur in ihren Schubladen oder versteckten Dateiablagen landete, wovon nur ihre Gedichte und Romane undsoweiter, handeln: die Welt, gefühlt.

Wir werden also lesen, das denke ich, der Gutmensch, der noch auf keiner einzigen Demo war, und niemandem die Hand halten mag: über Folter z.B.: der gefühlte Schmerz in fremden fernen Nehmerländern, der uns bislang nicht erreichte; über Demütigung: z.B. das alltägliche Gefühl Arbeitsloser beim Behördengang; über Ausbeutung: das Gefühl von Arbeitsplatzbesitzern, die darauf warten, daß sie den Zins einfahren können, den ihr wertloser Besitz ihnen einbringt – vor ihrer Freistellung; und so Millionen Mal weiter.

Ich spür‘s, ich fühle schon einiges; fühle mich zwar nicht als Nummer Eins, denn das darf immer nur einer, sondern als Nummer 58.672, immerhin!

15. Juli 2008

Und jetzt?

Es war, glaube ich, Keith Richards von den Rolling Stones, der einmal in einem Interview sagte, daß er nie in seinem Leben einer geregelten Arbeit nachgegangen sei und nie eine Lohnarbeit angenommen habe. Das habe ich mir gemerkt, es hatte mir sehr imponiert (als ich noch viel viel jünger war als ich heute bin). Der Satz wirkt noch, um so mehr als ich jetzt ein Bild seines uralten zerlebten Gesichtes vor Augen habe. Es drückt nichts von dem aus, was ein Streben nach erfülltem Leben aus einem machen kann; es ist leer, ohne Ziele, ohne Wertung, da stehen keine Gedanken im Weg, da scheint nur Leben gewesen zu sein, das hindurch ging durch seinen Körper. Ideale, Lebensvorstellungen und Träumereien kommen mir bei diesem Anblick belanglos vor.
Ich sollte hier welche erwähnen, aber ich mache es nicht, es sind ja schließlich meine eigenen, in die ich mich täglich verstricke; es sind die, die ich normalerweise gar nicht bedenke, die mich aber beständig begleiten: das gewöhnliche Umfeld an Gedanken, aus dem sich mein Ich zusammenbastelt.

Ratgeber, Philosophen, Therapeuten – aus zahlreichen Mündern hört man die Aufforderung: »Lebe! – Sei! – Jetzt!« Da ich es so oft zu hören glaube (stimmt ja schon einiges nicht), versuche ich das auch immer mal wieder, sage es mir vor, vergesse es, weil irgendwelche Hindernisse, und sei’s nur das Vergessen selbst, mich am Leben mit Ausrufezeichen vorbeigehen lassen. Ich falle schon mal zurück in das Postulat: Du mußt was erreichen, du mußt Ziele haben. Doch ohne Power-Joga schaffe ich‘s nicht, und Power-Joga mag ich nicht. Also sage ich mir einfach nur: Jetzt! Und schon bin ich jetzt … Das war mein Ziel.

Und was mache ich jetzt (also danach)? Für einen Augenblick erkennen, daß das unnötigste ist: Ziele haben. (So erreiche ich leider nichts; nicht mal ein Ende für diesen Text).

Daß manche sagen, Richards habe seinen Verstand mit Drogen ausgelöscht, ändert alles hier Gesagte ins Gegenteil und kehrt es um: Über Richards weiß ich so gut wie nichts; über mich nur ein wenig mehr. Davon entspricht so manches nicht gerade meinen Idealen, Lebensvorstellungen und Träumereien …

Und jetzt? Nehme ich mir vor, einen Traum zu leben und ein wenig zu schlafen. Gute Nacht.