Archiv für das Jahr: 2008

31. Dezember 2008

Käsepapst in Qualitätsdiskussion

Vom Käsepapst Antony hätte ich mir ein Video auf Spiegel online ansehen können. Es wurde dort versprochen, daß er den Genuß »zelebriere«. Ein Filmchen in minderer Qualität über meinen Bildschirm ruckeln zu sehen, bespaßt mich aber wenig, ich lasse den Käsepapst beim Spiegel, der ihn offensichtlich produziert hat. Ich bin nur froh, daß er nicht Benedikt heißt. Das würde mich beleidigen, denn ich bin in päpstlich geehrtem Umland zur Welt gekommen und darf mich daher irgendwie verwandt fühlen.

Päpste sind nicht so singulär wie man‘s meinen könnte. Vor einigen Jahren tauchte ein anderes Papst-Double in den Schlagzeilen auf: der Sexpapst. Man hört nichts mehr von ihm. Ich nehme an, daß er seiner päpstlichen Beschäftigung nachgeht – ein Papst kann nicht in Rente gehen, es sei denn Altersschwäche übermannt ihn.

Das beweist der Literaturpapst. Der sorgte für den Fernseh-Höhepunkt des Jahres 2008: seine Schmähworte stießen eine Diskussion an, die stets als Qualitätsdiskussion beschrieben wurde, Diskussion der Qualität, nicht Qualität der Diskussion (die aber auch bemängelt wurde).

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23. Dezember 2008

Krsms überzeugt

Vor ein paar Tagen saß ich für eine Stunde in einem Kaufhaus fest und durfte Kleider beurteilen. Mir wurden Kaffee und Prosecco angeboten, damit mir die langelange Zeit des Wartens angenehm würde. Auf dem Sofa, in dem ich fläzte, lagen Kinderspielsachen und Auslegeware zum Lesen und Betrachten für Männer. Keine Männermagazine im engeren Sinne hielten die Geschäftsinhaberinnen für das männliche einkaufsbegleitende Personal parat sondern lediglich Autoinfolektüren, an denen ausgerechnet ich wenig Spaß finde. Automagazine sind ähnlich zu lesen wie Sportreportagen, sie überraschen selbst den tiefgründigsten Leser noch mit neuen Einsichten – natürlich habe ich, tiefgründiger Leser, ausgerechnet jetzt keine parat; klare und schlüssige Einsichten verschwinden bei mir ziemlich schnell in den Abwasserkanälen, die mein Hirn durchspülen.

Neben dem Sofa stand ein Spiegel; immer wieder erstaunt über das mürrische Gesicht, das drüben in den von mir gesehenen Spiegelwelten lebt und mich ansieht, erkannte ich mich schnell wieder, als es sich im Profil zeigte. Der Satz aus der Zeitung, die ich aufgeschlagen hatte, paßte darauf: Charaktergesicht und seitliches Profil bilden die Schokoladenseiten. Gebildete Schokoladenseiten im Profil, nie zuvor erblickt, nun vor meinem geistigen Auge. Ich kann mir das vorstellen. Eine Seite weiter las ich im Männermagazin: Der aufgeschnittene 15er überzeugt. Autos verstehe ich nicht und Autojournalisten noch weniger, und einen 15er kann ich mir aufgeschnitten nicht vorstellen, einen 17er vielleicht.

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22. Dezember 2008

Abgehört & zwangsverwertet

Über 250.000 Aufrufe »für totale Überwachung« gab‘s bis heute. Schäubles »Vorstöße« sind nicht mitgezählt, denn es handelt sich nur um Aufrufe eines Videos, das Frau Doktor Angela Merkel auf einer Kundgebung im CDU-Wahlkampf 2006 in Berlin-Steglitz, Kranoldplatz zeigt. Das Video wurde vor einem Jahr auf YouTube ins Netz eingestellt, lese ich, auch die Kommentarfunktion wurde vom Einsteller inzwischen eingestellt. Er schreibt dazu: „Ist ja eh schon alles gesagt, und zwar wahrscheinlich auch von jedem.“ Ich hab‘s zu spät entdeckt. Will aber auch zu jedem gehören, also hier der Kommentar des 251.152sten Aufrufers.

Was Überwachung betrifft, hielt ich bislang das Schäuble für relevanter. Das Schäuble spricht eckig und wie unter Zwang, das Merkel dagegen redet fließend wie „der kleine Mann von der Straße“, der mit dem gesunden Menschenverstand; sie ist eine von uns ist, eine ganz Brave.

Es gibt viele Begründungen für Überwachung, wie sie uns von der Presse mitgeteilt werden, und es gibt auch viele die behaupten, wo die Möglichkeit zum Mißbrauch bestehe, dort werde sie begangen – sie haben wieder mal gar nicht recht. Was wir Ängstlichen als Mißbrauch bezeichnen, ist keiner, es ist Sinn und Zweck, nicht Mißbrauch sondern bald Brauch.

Ich habe das Merkel abgehört! und dabei mitgetippt, damit man beim Lesen mit eigener Stimme an Merkels Stammtisch dabei sein kann und mitreden kann im Wir-Gefühl eines verantwortungsvollen Politikers:

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18. Dezember 2008

Reise des Tages: Verirrt in Notizen

Nicht alleine um mich in weltpolitischen Belangen und dem Bereich Vermischtes in meinem Leben auf dem Laufenden zu halten, sörfe ich gelegentlich sondern auch schon mal nahezu den ganzen Tag, so wie heute. Das liegt an den Fundstücken, die zwar nicht immer so interessant sind, daß man daraus Strandgut-Skulpturen bauen könnte, noch nicht mal Sandburgen, aber doch so aufregend die ganz Ruhe zu verlieren. Wenn‘s besonders aufregend ist, weiß ich oft nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ihn mir wieder zurechtzurücken, begebe ich mich auf die lange Reise von Link zu Link – ich wünschte in mir gäb‘s einen »Home-Button«.

Süchtige verirren (?) sich auf pornografischen Seiten und zeigen offensichtlich eine Ausdauer, von der durchschnittlich Aktive nur träumen können. Ich bin weder süchtig noch besuche ich Pornografie, doch in gewissem Sinne könnte man das was ich lese schon als Pornografie bezeichnen, wenn es sich, wie mir Wikipedia erklärt, bei Pornografie wörtlich um »unzüchtige Darstellung« handelt. »Grafie« deutet auf eine bildliche Darstellung hin. Die Darstellungen, die ich finde, behaupten allerdings Klarstellungen zu sein.

Das System Wikipedia habe ich anscheinend verinnerlicht, aber zurecht komme ich damit nicht: am Ende des Tages sitze ich verwirrt vor einem Haufen miteinander verlinkter virtueller Notizzettel – und diese Links sind ziemlich lästig; nach den vielen Klarstellungen, die ich durchlaufen habe, muß ich erst wieder klar sehen lernen.

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3. Dezember 2008

Pochen auf Probelauf

Vor einigen Wochen schrieb ich, daß eine unappetitliche Mahlzeit von einer Speisetafel genommen wurde (Nackt-Scanner vom Tisch). Ein paar Tage später dachte ich, er sei eingefroren worden. Ich las: Nackt-Scanner auf Eis gelegt. Nun erfährt meine Vorstellung eine neuerliche Korrektur. Der Nackt-Scanner ist keine Mahlzeit, er ist ein „Flitzer“, der noch etwas wacklig auf den Beinen zu sein scheint: Doch Probelauf für „Nackt-Scanner“ – Regierung pocht auf Test.

Ich höre aus dieser Schlagzeile heraus den Nackt-Scanner um Hilfe rufen; er scheint nicht recht zu mögen was von ihm eine gewisse »Regierung« verlangt. Seit Wochen ist er nackt, ihn friert und nun soll er doch (noch) zum Laufen gezwungen werden. Galten früher „Flitzer“ als Belästigung und konnten verklagt werden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, wird dieser nun von der »Regierung« bestellt!

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12. November 2008

Neues vom ALS

[Der erste Als-Artikel: Nichts als Unsinn]
Was hier geschrieben steht, ist in Ausnahmefällen das Neueste vom Neuen. Es ist gewiß nicht das »Beste aus der Milch«; es ist nicht nahrhaft, aber auch nicht ganz ohne Geschmack:

Rezepte als Liebeserklärung – entstammt nicht der Zeitungsbeilage: »Das hilft bei Liebeskummer – eine Expertin gibt Tips« sonst hieße es »Rezepte für Liebeserklärungen«. Das Rezept selbst ist die Erklärung der Liebe (»Die Erklärung der Liebe«, ein Romantitel in der Art von »Die Entdeckung der Langsamkeit« etc.; muß nur noch jemand den Text dazu schreiben). Früher schenkte Mann etwas Praktisches zum Geburtstag oder zum Hochzeitstag, wie eine Küchenmaschine oder einen Entsafter, um Ihr das tägliche Küchenleben zu erleichtern, heute ist es ein Lieblings-Rezept, das man ihr gibt, und wenn sie einen liebt, bereitet sie es mit Liebe zu. »Liebe geht durch den Magen« in den Darm? und wird verdaut, auf dem Sofa, an einem Ort wo man‘s bequem hat – so muß Liebe sein.
Bei Rezepten halte ich mich zu lange beim Essen auf und der traditionellen Rollenverteilung am Herd. Es kann auch anders gemeint sein. Rezepte gibt‘s für alles mögliche, nur nicht für das, wogegen kein Kraut gewachsen ist.

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4. November 2008

Ein bißchen Orgon

Vor einigen Wochen wurde mein Computer mit Orgon bestrahlt, aus Versehen. Danach hatte er einige Macken, von denen eine Beunruhigung auf mich überging. Nun scheint alles wieder in Ordnung, aber – das ist meine Beunruhigung – ich glaube, es ist nur vorübergehend besser.

Was Orgon ist, kann ich nicht sagen, ich verweise zur wahrhaftigen Information auf das für im Verborgenen reifende Dinge nahezu allwissende Internet. Das Orgon, das ich meine, kam aus einem Orgonstrahler, den mir Manuel freudig präsentierte, als ich meinen Computer an seinen anschloß, um nachzusehen, ob etwas auf seinem Computer nicht in Ordnung sei. Der Orgonstrahler ist nur ein gewöhnlicher, sehr dicker Stahlstab, an einem Ende flach abgeschnitten, am anderen mit einem Kegel, woraus das Orgon strahlt. Ich hielt den Handteller vor den Strahler, wie mir empfohlen wurde und verspürte einen schwachen, kühlen Windzug. Kinder, sagte Manuel, spürten ihn sogleich, Erwachsene zauderten mit ihrer Empfindung. Mit meiner relativ schnellen Reaktion erzeigte ich mich als kindlich Erwachsener. „Damit“, sagte Manuel, „kann man das Wetter ändern – mit einem größeren Strahler natürlich.“ Man muß daher Vorsicht walten lassen!

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30. Oktober 2008

Mit brennendem Kapitän unter einer Decke

Es gibt Tage, an denen mir fast alles gefällt, was ich lese. Eine Hochstimmung hat mich erfaßt, mein persönlicher Dax liegt im Tagesplus. Der Auslöser ist nicht die VW-Aktie, die 15.000.000.000 von Hedgefonds verspekulierten Eurosen oder »die Autoindustrie«, die an »Brüssel« gewendet durch ihre Manager verkünden läßt, daß sie den »weltweiten Wettbewerb verlieren werde«, wenn man nicht bald auch für sie ein Weihnachtspaket schnüre. Hochstimmung herrscht in den oberen Etagen, Verdrußfalten schminken sich ihre Bewohner an, wenn sie herabsteigen und uns (den Empfängern von Nachrichten aus den Elfenbeintürmen) vom Klima, das sie selbst anheizen, Düsteres erzählen. Ich brauche mich nicht an »Brüssel« zu wenden, das ist unnötig, ich werde dort vertreten. Also bleibe ich im Bahnhof sitzen, in dem ich wohne, und fahre auf einem Bißchen Poesie ab, das ein verregneter Tag für mich übrig hat: die Abtippse, der ausgedruckte Schlagzeilen-Notizzettel, das Abgeschriebene und Herauskopierte – eine Collage ohne Formung, ohne Entwicklung, dafür mit viel ungeschliffenem Sinn. Was steht hier alles! Abfallregelungen, Klassiker, Opfer und Decken und allerlei Maße, zu Beginn darf ich feststellen:

Weltgericht in beklagenswertem Zustand. Wenn das Weltgericht in schlechtem Zustand ist, in welchem befindet sich dann erst die Welt! Ich habe die Gänsefüßchen beim „Weltgericht“ unterschlagen aus Respekt vor dem wirklichen Weltgericht.

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28. Oktober 2008

Tschießie Bäikn Naggedd

Wenn ich mit meinem Hund einen Spaziergang mache, haben auch meine Gedanken einen Auslauf. Ich lasse mich dabei von meinem Hund führen, er hat einerseits seine Wege, die er liebt, andererseits ein Gespür für Gerüche am Wegrand. Wir haben Auslauf und kommen wieder zurück, woher wir kamen. Meine Gedanken laufen mit, kehren nur ungern an ihren Ausgangspunkt zurück, sondern beschäftigen sich Zuhause mit dem, was ich vom Wegrand aufgelesen habe.

Moreno, mein Hund, scheint nur Wohlgerüche wahrzunehmen, Begeisterung ist ihm anzumerken. Er hätte den »Cheesy Bacon Nugget«, der an mehreren Plakaten an unserem Spaziergang angepriesen wurde, mit ein paar Bissen verschlungen, wäre er im Rinnstein gelegen. Ich dagegen kaute ihn wieder und wieder, vor mich hinmurmelnd: Tschießie Bäikn Naggedd. Ich übersetzte ihn mir in: Käsiger Speckklumpen. Da verging mir der Appetit, den das verführerische Bild einer schönen Mitnehm-Mahlzeit in mir geweckt hatte. Ich fragte mich, wie das ein Engländer bzw. Amerikaner liest und sieht: ist für ihn ein Cheesy Bacon Nugget ein Käsiger Speckklumpen? Er übersetzt es sich nicht, Käsiger Speckklumpen ist schlicht, was es heißt.

In der Werbebranche käme niemand auf die Idee, uns einen Cheesy Bacon Nugget einzudeutschen. Wer ihn ißt, will auch etwas von seiner cheesigen Kultur mit in sich aufnehmen. Man ißt einen solchen Klumpen nicht an einem schönen Ort, sondern an einem, den man schon kennt, aus Fernsehserien zum Beispiel, wo das Essen kaum eine, die Handlung eine wichtige Rolle spielt. Man beißt in den Klumpen hinein, daß es schmatzende Geräusche gibt; fett und käsig fließt es über die Finger wie im Comic, und schnell ist das Essen beendet, Messer und Gabel (nur ein Stück Papier und Plastik), wandern in den Müll oder ins Gebüsch; und weiter geht’s. Nur mein Hund bleibt hinter mir zurück; er trickst mich aus und frißt zusammen, was er findet. Er liebt käsige Speckklumpen und hat, entgegen meiner schnell zusammengedachten Theorie, noch keine einzige Fernsehserie gesehen. Er liebt alles Fett-Triefende.

28. Oktober 2008

Im Mittelpunkt: Butter- & Muttermilch

Als ich mit Moreno um die Ecke eines Supermarktes ging, an den Abfalltonnen und der kleinen Müllpresse vorbei, an der Anlieferrampe, wo Moreno eine alte Hundedame umhüpfte, fiel mir folgender Titel eines Aufsatzes von Kleist ein, den ich vor langer Zeit gelesen hatte: »über die allmähliche Verfassung des Gedankens beim Gehen«, und dachte, das träfe ja vorzüglich auf diese Abendrunde zu, allerdings ohne daß auch nur ein Gedanke bislang aufgetaucht wäre.

In der Müllpresse verschwanden geräuschvoll Verpackungen, eine lag am Boden vor meinen Füßen: ein Plastikbecher, in dem Buttermilch gewesen war. Buttermilch erinnert mich an Sommer, denn wenn es heiß ist, ist sie mein Durstlöscher. Ist das alles, was es zur Buttermilch zu sagen gibt, fragte ich mich. Ich habe mir die Frage der Bedeutung auch bei wichtigeren Dingen schon mal gedacht und kam stets zu herumzirkelnden Ergebnissen, das heißt: »nichts gewisses weiß man nicht« (sprachlich dialektisch eingefärbt allerdings, nix gwiss woas ma ned). Wenn ich um etwas herumkreise, dachte ich mir, sollte ich versuchen, auf den Mittelpunkt zu sehen. So kam der Mittelpunkt ins Zentrum meiner Gedanken, und dabei der verwegene Gedanke, ob der Mittelpunkt eines Kreises das Essentielle vom Kreis sei, etwa so wie es ein Bestes vom Wasser geben soll, wie man auf einem zeitweise verbreiteten Plakat lesen mußte. Noch mal anders ausgedrückt: Ist alles was nicht im Zentrum liegt nicht von zentraler Bedeutung? Ist alles was außerhalb des Zentrums liegt, nur Drumherum? Was ist der Mittelpunkt alleine, sozusagen ganz für sich betrachtet? Ich versuchte die Bedeutung des ständigen Bedeutungssuchens an der Buttermilch zu erproben.

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