Archiv für den Monat: Juli 2008

30. Juli 2008

Traumhaftung

Ich gehöre zu denen, die Träume nicht verwirklichen. Während mancher, von dem ich lese, offenbar ein traumhaftes Leben führt, bleibt mein Lebenstraum ein Traum. Mein Leben ist kein Traum, ich bin kein Träumer!

Täglich habe ich ein paar Träume, an die ich mich erinnere, seit Jahrzehnten; täglich erwache ich aus den merkwürdigsten Welten und finde mich dennoch wieder zurecht hier, in dieser im Vergleich stabilen und daher auch etwas trägen Umwelt.

Ungern erzähle ich meine Träume, sie scheinen mich in meinem Versteck zu verraten. Einem Freund erzählte ich mal einen. »Oooh! das läßt aber tief blicken«, sagte der Freund. Über die Tiefe befragt, zuckte er nur die Schultern. Entweder wußte er nichts Tiefes über mich zu sagen, oder er hatte Angst, daß ich, was er über mich sagt, ihm umdeute zu nichts weiter als Eigenauskünften, von der Art: »Du spiegelst Dich in mir!« Das kann einem Deuter passieren, Propheten sollte man das einmal so ausdeuten.

Gewiß ist mir: Träume lassen tief blicken. Der vom Träumen Betroffene, der Träumer selbst hat meist keine Ahnung davon – würde er sonst träumen, uns davon erzählen und uns seine Wirklichkeitsentfremdung so offen beichten? Die meisten Träume werden vergessen. Das scheint gut so zu sein, wer wollte von jedem seinen geheimsten Traum wissen? Er könnte sich als zu alltäglich entpuppen; das will keiner von seinem Traum, sonst wär‘s ja nichts als ein Traum.

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23. Juli 2008

Durch Anschlußkauf Humankapitalist

Beim Spaziergang fielen mir heute zwei Worte ein. »Der Humankapitalist« ist das eine, das andere »der Anschlußkauf«. Ob ich das meine kreative Ausbeute vom heutigen Tag nennen darf, werde ich später bewerten, nach dem Gute-Nacht-Gebet und der eindringlichen Rede mit meinem guten und schlechten Gewissen. Es plaudert mit mir, einer alten Gewohnheit aus Beichtstuhlzeiten folgend, dann und wann über vertane Stunden in meinem Leben, und stiehlt mir dadurch weitere wertvolle Zeit, die ich sinnvoller mit Plänen für einen gesellschaftlichen Aufstieg gefüllt hätte. Immerhin zeige ich mich hier schon so getrimmt am Ende eines guten Tages von der Tagesausbeute und Auswertung zu reden: Was hat mir der Tag gebracht? Zwei Worte.

Der Humankapitalist muß nicht erst noch geboren werden. Er lebt schon unter uns. Ich will das Wort gar nicht erklären, denn erstens ist es mir vor kurzem erst in den Sinn gewandelt, und zweitens erklärt es sich fast von selbst. Mein unterbewußtes Sein hat es schlicht nur abgeleitet aus einem marktliberalen Formelkoeffizienten, dem Humankapital, das heutzutage niemand mehr braucht, es sei denn, es wird freigestellt, und fährt so erst, als Kapital, den Zins ein.
Fast war ich beleidigt, daß mir ein anderes Wort, das in Zusammenhang mit dem Humankapitalisten stehen könnte, nicht selbst eingefallen war, als ich auf der Seite eines durch viele Parteien wechselnden Politikers das Wort Arbeitsplatzbesitzer fand. Unter einem Besitzer kann man sich jemanden vorstellen, der im Grunde nichts tut – so eine Vorstellung flößt mir ganz unschuldig diese Schöpfung ein. Ein Arbeitsplatzbesitzer ist das neoliberale Wort für das was früher ein Arbeiter war. Als Arbeiter tut der Arbeiter noch etwas, als Arbeitsplatzbesitzer macht er sich breit, stellt sich seiner Freistellung entgegen, »einseitig begünstigt durch eine Koalition aus Gewerkschaften und Sozialpolitikern«.
Da sollte sich der Humankapitalist, für den obiger Politiker ein hochbezahlter Propagandaredner ist, seiner eigenen Tugend besinnen, auf das Besitzen, und wie schön es ist, nichts zu tun (was er vom Arbeistpaltzbesitzer abschaut). Aber das wird er sich verbitten. Kapital anzuhäufen ist eine Heidenarbeit; nicht nur für den, der‘s schon hat.

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23. Juli 2008

Weltweite Empörung – ähnliche Seiten gefunden

Es ist nicht das »Bundesinstitut für Risikobewertung« sondern der »Spiegel«, der in einem Artikel über die Geschichte weniger der Unterdrückung als der Wunderwaffe der Frauen: den BH / Wonder-Bra, schrieb: »Weltweit setzten Männer Autos gegen Laternenpfähle«. Es war damals als das erste Plakat eines Wonder-Bras der Welt gezeigt wurde klicken zu einem Bild des Wunderbüstenhalters mit Inhalt).

Vielleicht schrieb den Artikel eine Spiegel-Moddl-Autorin, der es gefallen würde, wenn es so geschehen wäre, vielleicht schrieb ihn ein viriler Kollege, der hinter diesen seinerzeit erfolgten, aber von der Öffentlichkeit nicht genug wahrgenommenen Laternenpfahl-Anschlägen steckt. Ich weiß nicht, ob das im Artikel Erklärung fand, denn ich habe außer der erwähnten Zeile wieder einmal nichts gelesen. Diese ließ mich aber gleich aufhorchen. Vielleicht gab‘s etwas worüber ich mich empören konnte.

Ein schnelles Guugln über »Weltweit« brachte eine Menge fast gleichlautender Nachrichten, an oberster Stelle das Wort »weltweite Empörung«, dieser Tage über: Diktatoren, und ihr Handeln vor allem. Worüber unser Gutes den Kopf schüttelt. Und man liest, die zumeist und zuerst Empörten sind Politiker, sie haben darauf eine Art Erstvermarktungsrecht. Empörungsveröffentlichungen könnten dem Zweck dienen dem gesunden Menschenverstand ein Wort zu reden. Den laut Empörten und den Empörungslesern verbindet ein gemeinsames Kopfschütteln. Auch ich empöre mich oft, selbstverständlich. Schnell ist mein Gutes wieder weg, die öffentlich gemachten Empörungsträger tragen es mit sich, wenn sie wieder anderes von sich hören lassen. Politiker höchsten Ranges haben eine Waffe staatstragende Empörung zu äußern: in schlimmen Fällen (zu denen Kriege, die sie mit Waffenlieferungen fördern, nicht gehören) senden sie »diplomatische Noten« aus ihren Häusern aus, oder bestellen Botschafter in diese ein.

Das kann ich leider nicht, würde es gerne tun. Unzufrieden über meine Empörungssituation klicke ich im Internet weiter auf »Ähnliche Seite finden«. Was ich da alles finde, es ist nicht nur zum Kopfschütteln, sondern auch zum Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen. Nach ein paar Klicks und Kicks bin ich wieder beim In-den-Spiegel-Schauen. Vielleicht sollte ich den Link zur Wonderbra-Bildserie anklicken.

21. Juli 2008

Nichts als Unsinn

Das ALS hat unsere Identität erfaßt. Das Als ist eine Ableitung vom großen All, es ist allüberall. Mit dem All können sich nur Ausnahmegrößen identifizieren, für die anderen gibt es das Wort ALS. Ein Beispiel: Eine junge Frau sagte letzte Woche aus, daß Spargel eine vorzügliche Nahrung sei, und daß besonders der regionale Spargel eine besondere Qualität habe. Was brachte die junge Frau dazu, das zu behaupten und was die Zeitung dazu, es als zitatwürdig zu veröffentlichen? Das Als! Als Spargelkönigin nämlich hatte sich die Dame geäußert.

Wir hören und lesen solche Fragen oft, die ähnlich lauten: Was sagen Sie, Herr X als … Wetterspezialist, als Wirtschaftsfachmann, als Psychologe zu …

Es sind Expertenmeinungen, die zu unserer Meinungsbildung herangezogen werden. Auch expertenfremde Meinungen von medienbekannten Persönlichkeiten sind beliebte Als-Äußerungen. Um nur drei mögliche Beispiele aus dem Sportwesen zu erfinden, frage ich hier: Was sagen uns Boris Becker als Kammerjäger, Franz Beckenbauer als Steuerexperte, oder Günther Netzer als Filosof?

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15. Juli 2008

Endlich: Gefühlt

Das Fühlen spielte bislang in der Nachrichten- und Tatsachenwelt eine untergeordnete Rolle, so habe ich es gefühlt. Seit heute fühle ich mich besser: ein Sieg ist für das Fühlen errungen worden! Die Welt steht vor einer kleinen Revolution, von der heute fast nur noch diese Gutmenschen träumen und reden, die früher einander auf Demonstrationen die Hände hielten (in den Redaktionen wurde diese verweichlichte Menschengattung aus vergangener Epoche zu Marktliberalen evolutioniert). Gesiegt hat nur, wie‘s oft geschieht, einer über einen anderen, in einem Spiel, in Wimbledon allerdings. Das ist nicht das neue, revolutionäre, das mich so begeistert: Mehrere onlein-Medien zugleich berichterstatten uns von einer neuen gefühlten Nummer Eins; morgen wird‘s gedruckt überall nachzulesen sein.

Welche Auswirkungen wird der gleichzeitige Gefühls-Tsunami, der über die onlein-Redaktionen gerast ist, auf uns Lese-Endverbraucher haben? Wir werden endlich lesen dürfen, was wir fühlen, und nicht mehr nur was wir fühlen sollen! Zumindest kann uns die Leseerwartung erfüllen, endlich mitzubekommen, was unsere Deutungshoheiten fühlen, wenn sie zum Beispiel schwitzen, bei dem was sie schreiben müssen: gefühlten Druck vom Schäff vielleicht. Neue Nachrichten werden in unsere Welt Eingang finden: wir werden auch beim Zeitunglesen wieder fühlen dürfen, und nicht nur wenn wir uns täglich einseifenopern. Den Redaktören bietet sich eine neue Schreibwelt. Sie werden das schreiben können, was bislang nur in ihren Schubladen oder versteckten Dateiablagen landete, wovon nur ihre Gedichte und Romane undsoweiter, handeln: die Welt, gefühlt.

Wir werden also lesen, das denke ich, der Gutmensch, der noch auf keiner einzigen Demo war, und niemandem die Hand halten mag: über Folter z.B.: der gefühlte Schmerz in fremden fernen Nehmerländern, der uns bislang nicht erreichte; über Demütigung: z.B. das alltägliche Gefühl Arbeitsloser beim Behördengang; über Ausbeutung: das Gefühl von Arbeitsplatzbesitzern, die darauf warten, daß sie den Zins einfahren können, den ihr wertloser Besitz ihnen einbringt – vor ihrer Freistellung; und so Millionen Mal weiter.

Ich spür‘s, ich fühle schon einiges; fühle mich zwar nicht als Nummer Eins, denn das darf immer nur einer, sondern als Nummer 58.672, immerhin!

15. Juli 2008

Und jetzt?

Es war, glaube ich, Keith Richards von den Rolling Stones, der einmal in einem Interview sagte, daß er nie in seinem Leben einer geregelten Arbeit nachgegangen sei und nie eine Lohnarbeit angenommen habe. Das habe ich mir gemerkt, es hatte mir sehr imponiert (als ich noch viel viel jünger war als ich heute bin). Der Satz wirkt noch, um so mehr als ich jetzt ein Bild seines uralten zerlebten Gesichtes vor Augen habe. Es drückt nichts von dem aus, was ein Streben nach erfülltem Leben aus einem machen kann; es ist leer, ohne Ziele, ohne Wertung, da stehen keine Gedanken im Weg, da scheint nur Leben gewesen zu sein, das hindurch ging durch seinen Körper. Ideale, Lebensvorstellungen und Träumereien kommen mir bei diesem Anblick belanglos vor.
Ich sollte hier welche erwähnen, aber ich mache es nicht, es sind ja schließlich meine eigenen, in die ich mich täglich verstricke; es sind die, die ich normalerweise gar nicht bedenke, die mich aber beständig begleiten: das gewöhnliche Umfeld an Gedanken, aus dem sich mein Ich zusammenbastelt.

Ratgeber, Philosophen, Therapeuten – aus zahlreichen Mündern hört man die Aufforderung: »Lebe! – Sei! – Jetzt!« Da ich es so oft zu hören glaube (stimmt ja schon einiges nicht), versuche ich das auch immer mal wieder, sage es mir vor, vergesse es, weil irgendwelche Hindernisse, und sei’s nur das Vergessen selbst, mich am Leben mit Ausrufezeichen vorbeigehen lassen. Ich falle schon mal zurück in das Postulat: Du mußt was erreichen, du mußt Ziele haben. Doch ohne Power-Joga schaffe ich‘s nicht, und Power-Joga mag ich nicht. Also sage ich mir einfach nur: Jetzt! Und schon bin ich jetzt … Das war mein Ziel.

Und was mache ich jetzt (also danach)? Für einen Augenblick erkennen, daß das unnötigste ist: Ziele haben. (So erreiche ich leider nichts; nicht mal ein Ende für diesen Text).

Daß manche sagen, Richards habe seinen Verstand mit Drogen ausgelöscht, ändert alles hier Gesagte ins Gegenteil und kehrt es um: Über Richards weiß ich so gut wie nichts; über mich nur ein wenig mehr. Davon entspricht so manches nicht gerade meinen Idealen, Lebensvorstellungen und Träumereien …

Und jetzt? Nehme ich mir vor, einen Traum zu leben und ein wenig zu schlafen. Gute Nacht.

12. Juli 2008

Vom Fensterbrett im Treppenhaus

Mein Untermieter – er wohnt einen Stock unter mir – legt mir seit Jahren die Tageszeitung, die er abonniert hat, auf das Fensterbrett im Treppenhaus. Er hat mich einmal gefragt, ob ich das Blatt lesen wolle. Ich sagte nicht nein, aber auch nicht ja, unentschieden wie so oft wenn es um Überflüssiges geht: um Info und noch mehr Info. Das ist natürlich schon eine Reduzierung der wahren Bedeutung einer Zeitung auf einen vielbeworbenen aber lästigen Nebeneffekt; Werbung ist allemal wichtiger; Werbung in eigener Sache (Medienrummel), Werbung für Firmenangebote und Werbung für Weltanschauungen (Meinungsmache). Jahrelang kam ich ohne Zeitung aus, ohne ihr jedoch zu entkommen. Nun staple ich sie vor meiner Türe, um sie der Altpapiersammlung gebündelt zu überliefern, denn mein Untermieter hat mir seine Entsorgungspflicht gleich mitübertragen.

Bevor ich sie an der Straße gut sichtbar plaziere, blättere ich dann und wann die Zeitung durch, wie es die Gewohnheit der Augen ist Buchstaben unbedingt lesen zu müssen, auf Plakate zu schauen und: einfach nur zu erkennen, was um mich herum zu sehen ist. Das Ohr, habe ich vor ein paar Tagen gehört, kann nicht abschalten; das Auge tut sich damit aber auch schwer – und kaum bin ich im Schlaf, sehe ich schon wieder, ich sehe – ein wenig klarer!

Es sammelt sich trotz Bemühung um gelassenere Ignoranz einiges an, was ich aus den verstreuten Blättern und neuerdings auch aus dem Internet an Infoinfoinfo aufschnappe. Anders als manches Essen, das ich verzehre, kann ich Gelesenes nicht so leicht verdauen; es gespenstert in meinem Hirnkästchen herum – und dort, gerade dort brauche ich Leere, denn mich hat das Fieber des Einswerdens, des Hier-und-Jetzt-Sein-wollens auch schon längst gepackt; es hat mich gepackt und beutelt mich, will aus mir herausschütteln, was nicht reingehört; und je mehr Infoinfoinfo ich bekomme desto mehr muß auch wieder aus mir herausfallen. Und hierher fällt es, in diese Notizsammlung.

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