Archiv für den Monat: August 2008

12. August 2008

Einladung zum Lindwurmrennen

Schlagzeilen gehören zu meinem größten Lesevergnügen. Sie sind kurz, sie veraltern kaum, können anspruchsvoll sein und sie fordern die Phantasie heraus, wenn sie mißverständlich sind. Manche können ohne Zusammenhang gelesen werden, andere stehen über jedem Inhalt. Die Grammatik von Schlagzeilen ist simpel, ähnlich sogenannten primitiven Sprachen, die Wörter aneinanderreihen ohne sie mit komplizierten Regeln untereinander zu verbinden – das macht sie interpretierbar in viele Richtungen.
Schlichter gesagt: Sie gefallen mir, ich muß sie lesen.
Nicht allzu oft lese ich über sie hinaus, oft verfehlen sie die Funktion, mich zum Weiterlesen anzuregen; die besten helfen mir kurze geistige Höhenflüge zu unternehmen, für die in meinem grau-grauen Alltag keinerlei Anlaß vorhanden ist. Eine gute Schlagzeile ist wie ein Flugzeug auf einer Startbahn; unter der Bedingung stimmt der Vergleich, daß man den Text darunter nicht liest – man landet sonst in Mord, Totschlag, Korruption oder fröhlichen Nachrichten vom fröhlichen Bären im Zoo.

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11. August 2008

Sofortnachricht und Hungermacher

Die Sofortnachricht
Manchmal überkommt mich Müdigkeit & ein bißchen Melancholie, wenn ich an tägliche Nachrichten denke. Müdigkeit, denn irgendwie ist bei all der Vielfalt ein Gewöhnungs- oder Suchteffekt nicht zu vermeiden, die Ereignisse scheinen sich anzugleichen. Melancholie, weil gegen das was woanders sich alles abspielt, mein eigenes Dasein nur ein bloßes Dasein zu sein scheint. Aufpeppen könnte mein Leben die Sofortnachricht – sie fiel mir beim gestrigen Spaziergang ein. Sie scheint mir noch effektiver sein zu können als jegliche Art von Njus in einem Info-Kanal, im Internet oder auf einem AppleFoun. Wer nicht zwei oder drei Sekunden warten kann, um Geschäfte zu tätigen, der wird sie willkommen heißen. Womöglich gibt es sie schon und heißt: Instant-News; aber ich meine etwas anderes als instant news. Die Sofortnachricht dringt tiefer ein in mein Leben; ich will sie, sofort und ohne Umstände. Nachrichten habe ich bislang immer zu spät erfahren, nach dem Ereignis. Mit der Sofortnachricht bin ich dabei, unmittelbar: ist irgendwo ein allgemein wichtiges Geschehen am Entstehen, das sich zum Beispiel zu einem Unfall mit Toten entwickeln kann, wird es mir sofort mitgeteilt. Die Sofortnachricht ist vielleicht das Leben selbst, um ein vielfaches ereignisvoller als das eigene. Ich muß im eigenen Leben keine Zeit mehr mit sinnloser Aktivität, die zu nichts führt, verplempern, die Sofortnachricht läßt mich immer dann aufwachen, wenn etwas geschieht. In mein eigenes Leben bringt sie Ruhe; ich kann schlafen bis etwas geschieht.
Das Allgemein-Gültige dringt tiefer ins Innerste meiner Person durch sie und stellvertritt meine eigene unbedeutende, weil zu persönliche Meinung und Teilhabe am öffentlichen Leben; Privatsphäre ist nicht nur mir sowieso suspekt. Die Sofortnachricht könnte ein weiterer Meilenstein in die richtige Richtung der Vernetzung allen Denkens und Seins sein**. Führen wir sie ein, denken wir sie!

** Das hier neu entstandene Sein-Sein verhält sich womöglich zum Sein wie die Sofortnachricht zur Nachricht. Dem muß nachgegangen werden.

Die Hungermacher
Las er das irgendwo? Oder hatte er es aus Zorn erfunden. Mir ist heute nicht mehr in Erinnerung, was er damit meinte, als er es am Telefon sagte. Sicherlich keine herbeigeführte Ernährungskrise am eigenen Herd hatte er gemeint. Ich kann eine globale Verschwörung dahinter sehen oder auch ganz banal nur global handelnde Geschäftemacher an der Börse. Die Hungermacher sind für manchen vielleicht nur Appetizer, Appetitanreger für mehr, Häppchen auf einer großen Verteilungsparty.
Mich machen sie unzufrieden: sind sie selbst satt oder hungern sie? Ich muß es wissen, bin hungrig nach mehr!

2. August 2008

Umstellerei

Wie oft ging ich von Zimmer zu Zimmer, sah mich um nach dem geeigneten Platz, an dem ich arbeiten konnte! Hatte ich ihn gefunden, begann ich umzustellen, zerrte den schweren Tisch durch den Gang, stellte ihn hoch, damit er durch den Türrahmen paßte, zog ihn zum neuen Platz und ruckelte so lange herum, bis er richtig stand. Dann holte ich den Stuhl und alle Utensilien, die ich benötigen würde; möglichst wenige: auf leerer Platte sollte ich wieder zu arbeiten beginnen. Ich zog herum, weil sich unnötige Dinge um mich herum anhäuften, die sich nicht ohne weiteres beseitigen ließen. Reinen Tisch machen war zur Manie geworden, vor der sich nicht flüchten ließ: vor meinen Fluchten konnte ich nicht fliehen. Dann begann ich meine Arbeit vorzubereiten, die nichts anderes sein sollte als die Worte, die sich beim Spazierengehen oder wo immer so gut gefügt hatten, daß ich daran glaubte, Gedanken zu haben, die der Formulierung wert wären. Es kam nicht weiter, als daß ich mich davor setzte, vor den Computer und meine Datei der fortlaufenden Notizen vor mir sah, nur um weitere Notizen hinzuzufügen. Zufrieden damit beendete ich das Programm; beim Überfliegen, beim fehlerhaften Eintippen schon war ein neuer Text entstanden, im Geiste, weiter brauchte ich wieder einmal vorerst nicht zu arbeiten, so lange nicht, bis die richtige Zeit kam. Wie sehr, ja wie lange bereits sehnte ich mich nach der Formulierung!

Die richtige Zeit, das weiß ich, ist jetzt, stets jetzt. Der richtige Ort war das Problem, an dem ich herumlaborierte. Ich war der „richtige Mann“ – noch am falschen Ort. Die Magie der Orte, die ich vom Verstand her verneinte hielt mich fest. So zog ich in dieser Wohnung, in jeder noch, in der ich arbeitete, von einem Zimmer zum andern und in jedem Zimmer selbst stellte ich um, an Fenster, vom Fenster weg, mit dem Rücken zur Türe, mit dem Gesicht zur Tür. Ich fühlte den richtigen Platz, ich fühlte den falschen. Mit der Zeit kam ich zur Gewißheit am falschen Platz zu sein. Blickte ich zurück auf mein Leben, wurde es zur Gewißheit: nicht die Zeit war falsch, nicht die Person, sondern der Ort. Ich habe es bereits auf anderen Kontinenten versucht, habe es auch schon mit dem Ort versucht, an dem es liegt, der Ort in meinem Kopf. Dieser Ort ist hier, bei mir selbst. Bei mir selbst bin ich falsch.

Bei mir selbst – kann ich nicht arbeiten. Im Laufe der Jahre habe ich mir die Sicht auf mich selbst angewöhnt, als wäre ich nur eine Linse, nur ein Auge, vom Auge nur die Pupille, die Linse, die das Licht bricht. Weder bin ich die Innenwelt, die das Licht empfängt und daraus eine Welt formt, eine abgebildete, noch bin ich die Welt außerhalb, von der das Licht kommt. Daß ich mein Innenleben von meinem äußeren unterscheide liegt am Ort meines Ichs. Ich suche ihn, gehe nur ein paar Meter weiter, setze mich. Alles kenne ich seit langem. Ich muß das Auge zu etwas anderem machen: Das Auge nimmt auf und gibt nichts heraus. Meine Vermutung ist seit längerem, daß dies falsch ist. Es geht Licht vom Auge nach draußen.

Heute bin ich wieder so weit, mir einen anderen Ort zu suchen, meinen Schreibtisch nur ein weniges zu drehen, um 90 Grad. Ich muß mich bewegen in diesen Zimmern, die mein eigen sind.