Archiv für den Monat: Oktober 2008

30. Oktober 2008

Mit brennendem Kapitän unter einer Decke

Es gibt Tage, an denen mir fast alles gefällt, was ich lese. Eine Hochstimmung hat mich erfaßt, mein persönlicher Dax liegt im Tagesplus. Der Auslöser ist nicht die VW-Aktie, die 15.000.000.000 von Hedgefonds verspekulierten Eurosen oder »die Autoindustrie«, die an »Brüssel« gewendet durch ihre Manager verkünden läßt, daß sie den »weltweiten Wettbewerb verlieren werde«, wenn man nicht bald auch für sie ein Weihnachtspaket schnüre. Hochstimmung herrscht in den oberen Etagen, Verdrußfalten schminken sich ihre Bewohner an, wenn sie herabsteigen und uns (den Empfängern von Nachrichten aus den Elfenbeintürmen) vom Klima, das sie selbst anheizen, Düsteres erzählen. Ich brauche mich nicht an »Brüssel« zu wenden, das ist unnötig, ich werde dort vertreten. Also bleibe ich im Bahnhof sitzen, in dem ich wohne, und fahre auf einem Bißchen Poesie ab, das ein verregneter Tag für mich übrig hat: die Abtippse, der ausgedruckte Schlagzeilen-Notizzettel, das Abgeschriebene und Herauskopierte – eine Collage ohne Formung, ohne Entwicklung, dafür mit viel ungeschliffenem Sinn. Was steht hier alles! Abfallregelungen, Klassiker, Opfer und Decken und allerlei Maße, zu Beginn darf ich feststellen:

Weltgericht in beklagenswertem Zustand. Wenn das Weltgericht in schlechtem Zustand ist, in welchem befindet sich dann erst die Welt! Ich habe die Gänsefüßchen beim „Weltgericht“ unterschlagen aus Respekt vor dem wirklichen Weltgericht.

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28. Oktober 2008

Tschießie Bäikn Naggedd

Wenn ich mit meinem Hund einen Spaziergang mache, haben auch meine Gedanken einen Auslauf. Ich lasse mich dabei von meinem Hund führen, er hat einerseits seine Wege, die er liebt, andererseits ein Gespür für Gerüche am Wegrand. Wir haben Auslauf und kommen wieder zurück, woher wir kamen. Meine Gedanken laufen mit, kehren nur ungern an ihren Ausgangspunkt zurück, sondern beschäftigen sich Zuhause mit dem, was ich vom Wegrand aufgelesen habe.

Moreno, mein Hund, scheint nur Wohlgerüche wahrzunehmen, Begeisterung ist ihm anzumerken. Er hätte den »Cheesy Bacon Nugget«, der an mehreren Plakaten an unserem Spaziergang angepriesen wurde, mit ein paar Bissen verschlungen, wäre er im Rinnstein gelegen. Ich dagegen kaute ihn wieder und wieder, vor mich hinmurmelnd: Tschießie Bäikn Naggedd. Ich übersetzte ihn mir in: Käsiger Speckklumpen. Da verging mir der Appetit, den das verführerische Bild einer schönen Mitnehm-Mahlzeit in mir geweckt hatte. Ich fragte mich, wie das ein Engländer bzw. Amerikaner liest und sieht: ist für ihn ein Cheesy Bacon Nugget ein Käsiger Speckklumpen? Er übersetzt es sich nicht, Käsiger Speckklumpen ist schlicht, was es heißt.

In der Werbebranche käme niemand auf die Idee, uns einen Cheesy Bacon Nugget einzudeutschen. Wer ihn ißt, will auch etwas von seiner cheesigen Kultur mit in sich aufnehmen. Man ißt einen solchen Klumpen nicht an einem schönen Ort, sondern an einem, den man schon kennt, aus Fernsehserien zum Beispiel, wo das Essen kaum eine, die Handlung eine wichtige Rolle spielt. Man beißt in den Klumpen hinein, daß es schmatzende Geräusche gibt; fett und käsig fließt es über die Finger wie im Comic, und schnell ist das Essen beendet, Messer und Gabel (nur ein Stück Papier und Plastik), wandern in den Müll oder ins Gebüsch; und weiter geht’s. Nur mein Hund bleibt hinter mir zurück; er trickst mich aus und frißt zusammen, was er findet. Er liebt käsige Speckklumpen und hat, entgegen meiner schnell zusammengedachten Theorie, noch keine einzige Fernsehserie gesehen. Er liebt alles Fett-Triefende.

28. Oktober 2008

Im Mittelpunkt: Butter- & Muttermilch

Als ich mit Moreno um die Ecke eines Supermarktes ging, an den Abfalltonnen und der kleinen Müllpresse vorbei, an der Anlieferrampe, wo Moreno eine alte Hundedame umhüpfte, fiel mir folgender Titel eines Aufsatzes von Kleist ein, den ich vor langer Zeit gelesen hatte: »über die allmähliche Verfassung des Gedankens beim Gehen«, und dachte, das träfe ja vorzüglich auf diese Abendrunde zu, allerdings ohne daß auch nur ein Gedanke bislang aufgetaucht wäre.

In der Müllpresse verschwanden geräuschvoll Verpackungen, eine lag am Boden vor meinen Füßen: ein Plastikbecher, in dem Buttermilch gewesen war. Buttermilch erinnert mich an Sommer, denn wenn es heiß ist, ist sie mein Durstlöscher. Ist das alles, was es zur Buttermilch zu sagen gibt, fragte ich mich. Ich habe mir die Frage der Bedeutung auch bei wichtigeren Dingen schon mal gedacht und kam stets zu herumzirkelnden Ergebnissen, das heißt: »nichts gewisses weiß man nicht« (sprachlich dialektisch eingefärbt allerdings, nix gwiss woas ma ned). Wenn ich um etwas herumkreise, dachte ich mir, sollte ich versuchen, auf den Mittelpunkt zu sehen. So kam der Mittelpunkt ins Zentrum meiner Gedanken, und dabei der verwegene Gedanke, ob der Mittelpunkt eines Kreises das Essentielle vom Kreis sei, etwa so wie es ein Bestes vom Wasser geben soll, wie man auf einem zeitweise verbreiteten Plakat lesen mußte. Noch mal anders ausgedrückt: Ist alles was nicht im Zentrum liegt nicht von zentraler Bedeutung? Ist alles was außerhalb des Zentrums liegt, nur Drumherum? Was ist der Mittelpunkt alleine, sozusagen ganz für sich betrachtet? Ich versuchte die Bedeutung des ständigen Bedeutungssuchens an der Buttermilch zu erproben.

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13. Oktober 2008

Punkt 20 Uhr war früher oder Der Renner ist ein Heuler

Seit einigen Monaten zahle ich für ein Fernsehgerät wieder Gebühreneinzugszentralegebühren. Um ein optimales Preis-Leistungsverhältnis zu erzielen, sah ich anfangs den ganzen Tag fern. Nach über 20 Jahren ohne Television suchte ich zuerst die Klassiker auf. »Lange Pause«, »Kurze Pause« gab‘s nicht mehr, »Bezaubernde Jeannie«, »Mini-Mäx« wurden nicht wiederholt, auch ein »Kurier der Kaiserin« war nicht mehr unterwegs. Nur Punkt 20 Uhr war früher. (Ein unverständlicher, unvollständiger Satz, doch ich muß ihn lassen – warum?).
»Die Tagesschau«, der kurze Überblick über alles, blieb sich trotz neuer Gewandung treu: Deutsche Politik, Weltpolitik, Kriege und Terror (auch damals schon), Sport, und zur Ausleitung ein bißchen Gesellschaftstratsch. Vor der Tagesschau gibt es jetzt Infotainment zum Stand von Dax & Dow Jones, stellte ich fest.

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