Archiv für das Jahr: 2009

31. Dezember 2009

Hädi-daadi …

Vor einigen Monaten habe ich mir, weil ich die Gelegenheit dazu hatte, einen Wunsch erfüllt, von dem ich glaubte, er würde mich mit Freude erfüllen: ich habe mir eine Klangschale gekauft und mich auf harmonische Klänge gefreut, die ich innerlich schon lange erwarte. Die Gelegenheit dazu bot sich auf einem Kongreß Chinesischer Medizin, den ich nicht besucht hätte, wäre der Ort, an dem er stattfand nicht einer der von mir meistgeschätzten Flecken in meiner näheren Umgebung. Als Zugabe bekam ich einige Glücksmünzen geschenkt, die ich vor die Türe zu legen hätte, mit der Symbolseite nach oben – so käme Geld ins Haus. Nach mehreren Monaten Symbol-Benutzung könnte ich nun darüber berichten, ob es sich um hier um einen Glauben oder einen Aberglauben / Humbug handelte. Über meine Finanzen gebe ich aber nur negative Auskünfte; über Geld rede man nicht, heißt es, man habe es – so weit kann ich mich allerdings schon ausschweigen: dieser Satz stimmt bei mir nicht. Glaube oder Aberglaube – dem Zweifler ist ohnehin beides sehr ähnlich, er wird bei der Unterscheidung, ob sich eines zum andern gewandelt habe, den Mund nach unten ziehen: Rabulistik – hier spalten sich die Haare!

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30. November 2009

Geflüstere über Flüsterer

Es ist nicht leicht sich kundig zu machen über die Flüsterer, die durch die Nachrichten huschen. Der letzte (zeitlich) von dem ich gelesen habe, ist der Asien-Flüsterer. Einen Käfer-Flüsterer habe ich mir notiert – er war eine Käfer-Flüsterin. Mit dem Pferdeflüsterer hatte es begonnen, daß man auf leise Töne achtete, im Kino zuerst. Der Pferdeflüsterer war ein hübscher Mann, Robert Redford, der seine weibliche Seite nach außen kehrte, er hat sich also von links gewaschen. Er war metro-sexuell; ob das stimmt, weiß ich nicht. Das Wort fiel bei einem Gespräch mit zwei Frauen über berühmte Männer. Metro-sexuell hielt ich für androgyn, aber das ist wieder etwas anderes.

Frauen erhoffen sich von Männern einen Frauenflüsterer; der ist kein Frauenversteher, denn ein Frauenversteher ist ein Weichei ist ein Warmduscher und trägt unsexy Latzhosen – die hab ich zuletzt in der Sendung mit der Maus gesehen, und das ist lange her. Es gibt sie nicht mehr, die Latzhosen, sie wurden mit der selig machenden Rundum-Kritik an den 68ern den 68ern ausgezogen; keiner will sie mehr tragen. Auf Fotos auf denen man darauf zu sehen ist, kann man sich noch herausschneiden. Das Internet gab‘s noch nicht, sonst wäre diese Mode- und Gesinnungssünde auf ewig sicht- und abrufbar.

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31. Oktober 2009

Die Unfähigkeit zu reimen

Ich habe schon lange nichts mehr gereimt. Mein letztes gereimtes Gedicht ist so lange her, daß ich mich nur noch erinnere, es war ein Sonett gewesen (sehr lange zurück: war gewesen). Mein Sonett-Vorbild damals war Rilke. Mehr als daß ich ein Sonett schreiben konnte, rein äußerlich, wurde‘s nicht. Das Sonett habe ich weggeschmissen und von Rilke bin ich, im Rückblick auf über 30 Jahre Nichtmehr-Lektüre (und nochmal Lesen von Elegien), davongelaufen, (und raufe mir so manches Mal die Haare, wenn ich späte Dichterworte mir vor Augen halte, von denen ich mir als Jüngling anmaßte, sie verstehen zu können).
Mir reimt sich leider nichts. Ich weiß mir auf wenig einen Reim und allzu oft bin ich völlig ratlos. Und was sich nicht reimt, ist einfach nicht gut (Kobold-Weisheit). Ich hätte es aber gerne gut!

Gestern hörte ich in einem Reisebericht über Marseille einen Satz, den ein ratloser Mensch wie ich (mich hier beschreibe) als sehr tröstend empfinden kann, ich schreibe ihn gesperrt:
Hier – darf – man – ratlos – sein.
Die Autorin zitierte Joseph Roth. Beim Nachschlagen in meiner geschätzten Joseph Roth Ausgabe jedoch fand ich, daß ich mich wieder einmal verhört hatte, es hieß: »Hier kann man ratlos sein«. Man könnte das zwar ähnlich verstehen, doch war‘s nicht so gemeint, wie ich‘s empfunden habe: Der Mensch darf ratlos sein! Das wäre eine große Pause in der Hetze vom Sinn machen und Sinn produzieren, ein befreiendes Durchatmen zwischen 2000 bis 4000 Werbebotschaften am Tag und vielhundert Augen, die einem mißtrauisch und abwehrend begegnen.

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30. September 2009

Sex-Verbrecherin auf Halli-Galli-Drecksau-Party

Erinnerungen an ein nicht gelebtes Leben werden in mir beständig wach gehalten wenn ich durch onlein-Medien brause. Vor ein paar Tagen genügte schon das Wort auf Spieglein-onlein von einer „angeblichen Sex-Verbrecherin“ (die verhaftet wurde als sie mit ihrem neuen Manager das Comeback startete – als Sex-Verbrecherin? – kein Link hier: Ich will der Fantasie, die der Wirklichkeit kaum nahe kommt, den kleinen Spielraum, den sie hat, nicht noch weiter einengen). Über eine Sex-Verbrecherin wird außer mir so manch anderer Mann spekuliert haben; über eine angebliche Sex-Verbrecherin, was weit bemerkenswerter ist, komme ich gar nicht zu Rate.

Diese Verbrecherin erweckte in mir die beinahe schmerzliche Erinnerung, daß ich einmal einer Einladung zu einer »Halligalli-Drecksau-Party« nicht gefolgt war. Ich überquerte gerade gesetzeswidrig die Gleise als gesetzeswidrig die Gleise überquerende Jugendliche mir entgegenkamen und mich fragten, ob ich auf die Party mitkommen wolle. Ich überhörte das und ging still weiter, teils weil ich später erst die Worte rekonstruieren konnte und teils weil‘s mir nicht freundlich genug erschien. „Hättest antworten können, Alter!“, wurde mir nachgerufen, ein Stein flog den Worten hinterher, verfehlte aber sein Ziel weit mehr als die Worte, und die hießen: Alter & Halligalli-Drecksau-Party. „Der mag das vielleicht nicht“, sagte ein Mädchen zum Steinewerfer. Ich ging um die Ecke an einem Plakat vorbei, das an einen Baum gestellt war: »5 Frauen eine Flasche Sekt«. Einige paar Meter daneben ein weiterer Werbungsträger, der mich zum »Wet-T-Shirt-Contest« einlud. Bedrückt, unfähig angemessen auf die Verlockungen der Welt zu reagieren ging ich in meine Wohnung und legte die Tür ins Schloß.

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18. August 2009

Wurmlochreise ins Bonsainetz

Als ich heute den Bildschirmschoner wechselte, von der „Matrix“, die unleserliche Zeichen vom oberen zum unteren Bildschirmrand rieseln ließ, zum „Wormhole“, einer Fahrt durch einen Tunnel, wurde ich hypnotisiert und aufgesaugt, bis ich wieder erwachte, als sich der Bildschirm gänzlich abschaltete und schwarz wurde. Was war in der Zwischenzeit geschehen? Wie lange war ich weg? und warum erwachte ich ausgerechnet, als es dunkel wurde?! Fragen, die niemand stellt; die deshalb ihre Existenzberechtigung im journalierenden, erst recht im journalistischen Netz haben und nun bei mir beantwortet werden.

Bildschirmschoner mußten seit ihrer Einführung vor etlichen 20 Jahren einen Bedeutungsverlust hinnehmen, den in nächster Zeit Lebensmittelkontrolleure teilen werden: sie sind nurmehr Zier. Der moderne Bildschirm muß nicht mehr geschont werden, er hat beinahe alles gesehen und hat es dank modernster Technik so weit gebracht, daß sich nichts mehr an seiner Oberfläche „einbrennt“ und für immer störend sichtbar bleibt. Lebensmittelkontrolleure könnten bei zunehmender „Analogisierung“ von Lebensmitteln bald als Schönheitsberater für Schinkenmarmorisierung tätig werden, die Schonung (der Lebensmittelhersteller) wird mit dem Schönen in Einklang gebracht. Lebensmittelkontrolleure werden sich bei gewandelter Umwelt und neuen Anforderungen auf die Suche nach anderen Aufgabenbereichen machen.

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31. Juli 2009

Geisterspazier

Beim Abendspazier mit dem Hund, zwei bis drei Stunden vor Mitternacht, kam ich an einem schwarzen Golf vorbei, aus dem ein schmales gelbes Gesicht herausleuchtete. Noch bevor ich erkannte, daß ein Handy, auf dem Finger herumfummelten, die gespenstische Beleuchtung abgab, erspähte mich das Gesicht, große finstere Augen sahen mich beunruhigt an, unmittelbar darauf hörte ich das Klicken der automatischen Türverriegelung. Ein paar Meter weiter an einer Kreuzung blieb ich stehen, wartete bis Moreno nachgetrottet kam. Auf der gegenüberliegenden Seite gingen andere Abendspazierer, an der Leine etwas kleines Weißes wie eine Katze. Ich blieb stehen, erspähte ob Gefahr bestünde, daß mein gefräßiger Hund vielleicht zum Jagen anfinge, dann ging ich rüber – und hörte sogleich einen mächtigen Aufschrei, gefolgt von einem weiteren Schrei: „Haben Sie mich erschreckt!“ und: „Hast Du mich erschreckt!“ Mich selbst hörte ich ganz leise entschuldigend sowie erklärend sagen: „Das ist mein schwarzer Hut.“ Der Hut ist unschuldig, im tiefsten Innern weiß ich‘s.

Bild: Geist mit Hut

(Pabblissitifoto meines Hutes mit mir in verlorener Halbprofilansicht auf einem unveröffentlichten Cover)

Andererseits kann ich es auch nicht akpetieren – ich weigere mich! – anzunehmen, daß es nur mein Aussehen ist, das ein selbst als Gespenst erscheinendes Wesen dazu bringt, alle Türen wie aus einem natürlichen Affekt heraus zu verriegeln.

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19. Juni 2009

Unterm Frischgeldregen

Jeden Tag kann man mit jedem Wetter rechnen, es scheint die Sonne, es ist windig und es regnet. Neulich als ein Platzregen mich beim Schlendern übergoß, erinnerte ich mich an Die Regierung, die im Herbst vergangenen Jahres viel von Schirmen, die sie aufspannen möchte, verlauten ließ. Ich war schon nach ein paar Sekunden völlig durchnäßt. Das macht aber meiner Natur wenig aus, einem gnadenvollen Optimisten ist es Gewißheit, daß auf Regen Sonnenschein folgt und ihn der heftige Wind, der an keinem Tag ausbleibt, bald wieder getrocknet haben wird. Ist das Gewitter vorüber, sage ich stets: es war reinigend!

So geschieht es auch im Paralleluniversum der Finanzwelt. Wirtschafts-Experten nennen die Krise auf dem Finanzmarkt ein reinigendes Gewitter, das längst überfällig war. Während auf unserer Erde die frische Luft wie von nirgendwo nachgeschoben kommt und einfach da zu sein scheint, noch, ist es in der Finanzwelt anders, sie fordert dringend benötigtes »Frischgeld«, das ihr mit Finanzspritzen injiziert werden soll. Wer im Internet nach einer Erklärung für das Wort „Frischgeld“ sucht, die nicht naheliegend ist (zumindest mir), daß es aus Geld-Wasch-Anlagen kommt oder aus Steuerparadiesen fließt, wird enttäuscht sein: es scheint dem umgangssprachlichen Wortschatz der Finanzwelt zu entstammen, und scheint nichts anderes zu bedeuten als „Mehr mehr mehr!“ Frischgeld steht verbrauchtem Geld gegenüber wie Frischluft abgestandener Luft.

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31. Mai 2009

Keine Grundrechte bitte

Ich habe ein Interview aus einem Film abgetippt und weiß nun nicht, ob ich das alles zitieren darf, wer ein Copyright auf den gesprochenen Bandsalat hat und warum der Inhalt noch immer keiner Zensur unterliegt. Wer nur Mist redet, darf das für sich behalten, erst wer Mist macht, ist der wahre Handelnde, das Vorbild für Verehrer von Gestaltern der Zukunft, und gehört der Allgemeinheit vorgeworfen. In diesem schnell hingeschriebenen Sinne füge ich etwas Perverses in meinen harmlosen Spaßblog ein. Da es sich beim Inhalt um etwas durch und durch Pervertiertes handelt, erwarte ich Zensur und ein Stop-Schildchen.

Das Perverse habe ich aus dem Film »We feed the World« abgetippt, den man öfters sehen sollte, zumindest aber zweimal, denn sonst überhört man die letzten Worte, die „ein Verantwortlicher der Nestlé-Gruppe“ der Menschheit ankündigt. Wie dieser Mann heißt, spielt keine große Rolle; es ist nicht die Person, die spricht, sondern die Position. Der Mann ist ein Strohmann, aber keiner, der vor Hintermännern steht, sondern einer, der ins Feuer läuft, und den Zuschauern sein Verbrennen für Leben verkauft. Dabei ist sein Geschäft andern das Wasser abzugraben:

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28. April 2009

Zwei Null

Der Fortschritt ist eine Bewegung nach vorne. Auf seinem Weg ist er unaufhaltsam und unbeirrbar. Der Weg ist allerdings kein bestimmter, weder darauf noch am Rand liegt etwas, der Fortschritt bastelt sich seine Umgebung selbst. Das unterscheidet seinen Weg von unserem, dem Lebensweg. Der will manchem vorgezeichnet erscheinen, vorausgeleuchtet von Sternen, von karmischen Verknotungen verwirrt oder von Gott verleitet. Man braucht, sagt gängige Lebensweisheit, ihn nur zu finden, dann kommen die Dinge, die einem begegnen sollen sozusagen entgegen. Dem Fortschritt begegnet nichts – was sich ihm entgegen stellt, das übergeht er, und blickt er einmal zurück, dann nur mit Spott: ein paar Schritte hinter ihm war nichts weiter als Steinzeit. Man könnte fast meinen, sie folgt ihm auf dem Fuß.

Im Kleinen hält mich der Fortschritt am Computer mit Software-Updates auf Trab. Bei mancher Software, mit der ich arbeite, warte ich auf den nächsten Schritt, die nächste Version; bringt doch jede Version eine Verbesserung meines »Work flow«, »Bugs« wurden »gefixt« und Fehler, die ich nie bemerkte, sind nun ausgemerzt. Wie genau es Software-Entwickler mit Fehlerbehebung nehmen können, lese ich aus der Version des Flash-Players, (das ist die Software, mit der man die überflüssigen Flash-Animationen [deshalb steht darunter auch oft: „Intro überspringen, hier klicken“] betrachten kann): 10.0.2.22.87. Wer seine Arbeit ordentlich macht, der muß zugeben: irgendwann hat jede Arbeit eine derartige Nummer, nur: veröffentlicht wird sie nicht. Da aber Software ein öffentliches Projekt ist und der Entwickler ohne die Mitarbeit des Benutzers gar nicht weiterentwickeln könnte, haben wir alle Teil an einem nie endenden „work in progress“. Das ist schon beinahe der Fortschritt selbst.

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1. April 2009

Schärz

Ein Erster April kann vorübergehen ohne daß man auf die Besonderheit dieses Datums aufmerksam geworden ist. Heute sagt niemand mehr zu mir: »Schau mal zum Fenster raus, dort fliegt eine blaue Kuh.« Blaue Kühe sind Wirklichkeit geworden. Mancher sehr Jugendliche hält laut einer Studie (wahrscheinlich war‘s nur eine Umfrage in der Familie) die »Milka-Kuh« für einen naturgegebenen, Schokolade produzierenden Almbewohner. Möglich, daß ich das am 1. April gehört oder gelesen habe, möglich, daß die befragten Jugendlichen jeden Tag für den 1. April halten und unwillig sind, vernünftige Auskünfte über ihren Wissenstand zu erteilen und allen weiteren Pisa-Studien-Studierenden eine Nase drehen.

Hätte ich heute nicht wieder einmal die Zeitung duchgeblättert oder wäre nicht online gewesen, dann hätte sich der Tag, den man als den Tag des freiwilligen Humors bezeichnen darf, ganz ohne Witz blaß und bleich einfach aus meinem Leben verabschiedet.

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