Archiv für das Jahr: 2011

11. Dezember 2011

Sich neu-erfindend abschaffen

Bringt ein Künstler es nicht fertig, daß ein Kultur-Kritiker oder ein Kultur-Fan-Boy über ihn schreibt, er habe sich neu erfunden, dann muß gelten, daß er kein großer ist. Die Kunst des Sich-Neu-Erfindens, das eine gewerbliche Tätigkeit zu sein scheint, bleibt aber nicht auf Künstler und/oder Menschen beschränkt, auch Städte und Landschaften machen das:

New York hat sich neu erfunden

schrieb ein begeisterter Reiseberichter, als er von einer Erlebnis-Shopping-Tour für einen Artikel zurück kam. Es schien ihm so gewaltig, daß es in dieser Stadt noch Leben gab, richtig quirliges, geschäftiges Einkaufs- und Kulturleben, als hätte es keinen Nine-Eleven-Anschlag gegeben – das war die Voraussetzung für das Neu-Erfindungs-Erlebnis. Auch von der anderen Seite des Globus wird ähnliches geschildert:

Die Millionen-Stadt Shengzhen erfindet sich jeden Tag neu.

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1. November 2011

Weltbevölkerungsexplosion am Reformationstag

Der Reformationstag – ich wußte von dieser Kalenderexistenz nichts als ich noch ausschließlich in rechtgläubigen Landkreisen wohnte – fiel heuer auf Hälloien und wurde weltweit befeiert:

Blutrünstige Untote in Vilnius, liebestrunkene Zombiebräute in Caracas und bonbonbunte Vampire in Japan: Die ganze Welt ist im Halloween-Fieber. Selbst im Weißen Haus ist der Präsident nicht sicher vor kleinen Teufeln auf Beutezug.

außer an der Ostküste der westlichen Welt, der Heimat von Hälloien, denn

Stromausfälle an US-Ostküste dauern an — Halloween fällt aus.

Ohne Strom kein Hälloien; nur für den Präsidenten an der Ostküste gilt das nicht.

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28. Oktober 2011

Ein Land bemerkt nicht, daß es nicht feiert

Die »Zeit« feiert mit einer

Bild: 50 Jahre Einwanderungsland

Deutschland als 50-jähriges Einwanderungsland.

Im Oktober 1961 schließen Bonn und Ankara ein Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Heute leben hier drei Millionen Deutsch-Türken. Und wo bleibt die Party?

Grund zum Feiern sollte es immer geben, aber wir Ur-Deutschen feiern nur bis in die Puppen, wenn’s tüchtig Alkohol gibt, dann können wir uns unserer Strenge entschlagen und Verbrüderungs-Gefühle frei laufen lassen. Wir gelten bei den Ausländern der Welt nicht als Volk, das gut feiern kann. Volk? Viele wollen gar nicht als Teil dieses Volkes angesprochen werden und lieber draußen bleiben, wo’s ihnen zu deutsch scheint – und damit können wir sie unherzlich zurückgekehrt in unserer grummelnden Gemeinschaft umarmen. Wir reden kaum darüber, was deutsch ist oder nicht, sondern was typisch deutsch ist. Und wenn etwas „typisch deutsch“ ist, dann mögen wir es nicht, wir kritischen, von deutschen Eltern und Großeltern entstammenden Deutschen – das ist typisch für uns.

Mit dem Wort typisch hexenkesselt man sich selbst ein! Ich werde es nur mehr verwenden, wenn ich mir zu 50% ganz sicher bin, daß etwas typisch ist.

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27. Oktober 2011

Hoch hinaus & tief hinab

Bild: Momente des Absoluten

Das ist groß!

Bild: Vorstellung sträubt sich

Das ist wahr! Die Haare können einem zu Berge stehen und auf der Stelle grau werden, wenn man daran denkt, was der Mensch alles treibt.

Bild: Windsbacher Knabenchor

– ¿¿ – –

Das muß man zweimal lesen, dann begreift man: Das ist

Bild: Für die Ewigkeit

Sooo groß ist es nicht. Für den einen sind Milliarden Peanuts, für den anderen Peanuts Milliarden.
Wir provinzielle Leser sind allerhochhöchste Töne beinah gewohnt, lesen sie mit andächtiger Ehrfurcht und lauschen ihnen mit stillem Vergnügen!

28. September 2011

Deutliche Schlagwörter pauerd bei WieFindenWirDas

Folgende Schlagwörter generiert eine Schlagwortgenerierungsmaschine für einen Stern-Artikel über einen „Börsianer“, „der den Deckmantel über das, was in dem Bankenviertel wirklich gedacht wird, gelüftet hat“.

Das traut sich nur eine Maschine, ein Redaktör wird das retuschieren:

Stern Artikel: Die böse Beichte eines Börsianers

Von Maschinen sollte man lernen. Ich muß ohnehin meine Schlagwörter auf Vordermann bringen. Auf zum Trimm-dich-Pfad der Schlagwörter.

28. September 2011

Danke, viel mehr Danke

Wenn man früher etwas einkaufte, konnte man gelegentlich hören: „Danke für den Einkauf“. Wenn man etwas im Internet bestellte, gab’s die automatisierte Antwort-Mail: „Wir bedanken uns für den Einkauf“ – gibt es noch. Ich schreibe so eine ähnliche Formel auf meine Rechnungen, die ich stelle. Wer auf ebay einkauft oder ähnlichen Welthändlern, wird nach dem geglückten Einkauf aufgefordert seine Bewertung abzugeben: über die Beschreibung des Gegenstandes, über die Einfachheit der Zahlungsabwicklung, über die Korrespondenz mit dem Verkäufer, über die Schnelligkeit der Warenlieferung. Das mündliche Pendant zu dieser Befragung lautet an der Kasse eines Einkaufsparadieses: „War alles in Ordnung?“ Man ist genötigt an „alles“ zu denken! Die Zeit dazu bleibt nicht, weil der Hintermensch schon drängelt und zahlen will, also nickt man, bejaht oder sagt einmal laut nichts, wie ich es tue.

Im Internet dauert das länger – man hat ja Zeit Zuhause und sitzt vor der Ware und freut sich oder ist verärgert. Es kommt einem Nachsitzen gleich, bei dem man seinen Einkauf noch einmal überarbeitet, nicht in Hinsicht darauf, ob es nötig war, sondern wie gut & reibungslos die ganze Prozedur verlief. Man vergibt Punkte wie in der Schule. Zu bewerten gefällt, man glaubt sich in einer besonders bevorzugten Rolle.

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24. September 2011

Nachruf auf den Nachruf

Mark Zuckerberg, 26, founder of Facebook, der laut »Guardian« schon mehr als 6,9 Mrd $ wert ist, und der „fastest riser on Forbes rich list“ ist, habe „verlangt“, schreibt »Spiegel online«, daß jeder Juser von Facebook seinen eigenen Nachruf schreibe und ihn immer wieder auf den neuesten Stand bringe. Facebook solle zum Logbuch des eigenen Lebens werden.

Zu jedem Tag – eigener Vorschlag – könnten automatisch Wetterdaten hinzugefügt werden, wichtige Verkehrsmeldungen aus dem Wohnort, größte Staus im Land, Katastrophenkurzberichte wie Taifune an Atomkraftwerksküsten, politische Tsunamis und Daxlinien – als Hintergrundmusik zur Lebensstatistik. Fände ich gut, weiß ich doch selbst nie wie letztes Jahr das Wetter war und gar erst vor zehn oder zwanzig Jahren, als mal etwas Wichtiges in meinem Leben geschah. Die Weltereignisse müssen in Relation gesehen werden zum eigenen Dasein, nur so gewinnen sie Berechtigung, erwähnenswert zu sein.

Die notwendigen Updates zu den Lebenslogbüchern wird bald, sollte das einige Jahren gehen und der Schreib-Überdruß einkehren, automatisch ablaufen; an einer Äpp arbeitet schon ein Fleißiger.

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2. September 2011

Tabubruch aus Gefälligkeit

Frau Roche war wieder in einer Talgschau; dort schmiert man sich normalerweise gegenseitig die Butter vom Brot. Bei Frau Roche ist das anders: alle wollen mit draufschmieren und tun es auch. Wegen der Medienbeliebtheit von Frau Roche holt man sich mal Schoßgebete-Buchbesprechungen auf die Seite Drei, wo sonst nur Weltnachrichten stehen, klebt ein Foto der zierlichen Dame mit den derben oder auch „provokanten“ Sprüchen daneben und ergießt Lobeshymnen in die offenen Münder der Leserschaft: endlich ein Sommerloch, das die Zuhausegebliebenen bei der Stange hält!

Der Sommer ist vorüber, die Werbereise für den Megabesteller wird noch bis Weihnachten dauern, dann ist letzte Gelegenheit im Jahr an das notwendige Erbrechen von Tabus zu erinnern und etwas „Rotzfreches“ für die Weihnachtsgabentischbestückung zu verkünden.

„Die Grenzen des Sagbaren“, schrieb ein Lober (das Wort ist direkt von der Grenze), „müssen erweitert werden.“ Keine Frage, ein Muß ist ein Muß. Das Buch scheint es zu tun. Über Leseproben kam ich selbst nicht hinaus. Für mich ist es Drauflos-Geplappere, das ich nicht weiter lesen kann; es scheint, daß Pop-Literatur, dazu zählt man das Buch, von Poppen kommt, und entweder stinkelangweilig ist oder tabuerbrechend flach. Eines Tages, wenn ich das Buch gelesen haben werde, werde ich meine Meinung ändern müssen; vorerst beschäftigt mich mehr die Bereitschaft der Medien und ihrer Autoren tragender Teil („quotengeile Erfüllungsgehilfe“ – unsäglicher Forums-Leserkommentar) des „Hypes“ um die Kult/Star-Autorin zu sein. Die „Debatte“ gibt bestimmt so viel her wie das Buch: Feminismus-Überdruß, Generationenkonflikt, Tabus, Porno & Sex & langweiliges Leben in grenzenloser Konsumbereitschaft.

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31. August 2011

Debattenende!

Zu Westerwelle gibt es einen Nachrichtenüberblick, betitelt: „Westerwelle ist untragbar“ – Wäre er tragbar, wäre er vielleicht eine Neoprenhose oder eine Krawatte. Andererseits gilt in der Modebranche, wenn etwas nur tragbar ist, ist es so gut wie untragbar. Bloß tragbar zu sein, ist zu wenig. Das Amt des Außenministers trägt die Mode ja schon beinah im Namen; außen ist die Verkleidung, innen ist die Verhaltung. Wer trägt Westerwelle? Seine Überzeugung. Wen trägt Westerwelle? Seine Selbstüberzeugung. Die Frage der Föjetons und Leidartikler dieser Tage ist: Wie lange ertragen wir ihn noch? Wir Leser und wir nach außen Repräsentierte. Dabei findet Westerwelle in einer Frage bei den repräsentativen Deutschen mehr Anklang als zur Zeit unter den Redaktören, die ihre Meinungen ansonsten von den Lesern getragen sehen möchten: hinter dem Nicht-Libyen-Einsatz und der gelungenen Embargo-Politik steht der Deutsche, Parteicolorit spielt beinahe keine Rolle; Westerwelle kann sich als die Gesicht gewordene Gestaltung unserer bedingungslosen Friedenshaltung ansehen; der Deutsche steht, wenn er wo stehen muß, besonders hinter dieser rückhaltlosen Haltung.

Leser schließen sich der Westerwelle-Demontage, dem Westerwelle-Bäsching, nicht an, sondern verkünden z.B.:

„Gewiß, Gaddafi war unangenehm [?], aber die Ansicht, man könne aus diesen durch Stammeskultur geprägten Ländern westliche „Demokratien“ machen [Anführungsstriche nicht von mir; Ausdruck der Skepsis des „westlichen“ Lesers gegenüber allem, was als „sogenannt“ apostrofiert werden muß, und im eigentlichen Sinne schon nicht mehr eigentlich ist, sondern fremdgesteuert – Anmerkung der Redaktion] […] Ich war gewiß kein Westerwellefan. Aber ein Aussenminister, der sich kriegerischen Abenteuern verweigert, verdient Lob und Anerkennung.“

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25. Juli 2011

Girl Magnet gucken

Man liest, man sieht und man denkt – man kann es nicht abschalten: genau dafür ist Werbung an allen Orten. Daß man in der Öffentlichkeit sinnlose Plakate sieht, die keinen Zusammenhang haben, ist selten, aber seit der Es-muß-ein-Ruck-durch-Deutschland-gehen-Bewegung vor 20 oder etlichen Jahren auch nichts mehr Neues. Man könnte seither wissen, daß nichts dahinter steckt außer einer ärmlichen Mitteilung. Immerhin steht ein Bundespräsident mit seinem Namen für den berühmten Ruck, der nicht über den Plakatrand hinausging. Man hat nie erfahren, was der Ruck war, noch hat man ihn verspürt – ich habe keine außerordentliche Rempelei in Erinnerung.
Doch vor ein paar Tagen fühlte ich mich angerempelt:

Bild: Gucken

stand auf der Rückscheibe eines örtlichen Linienbuses. Ich konnte nix sehen! Ich wußte nicht, wo die Werbung dazu war. Dafür wurde ich mir bewußt, daß ich wohl geguckt hatte; es war mir, als wäre es das erste Mal in meinem Leben gewesen. Es hätte auch der markante Spruch eines Kabarettisten sein können, der mit einem Bus durch die Lande zieht, aber es war nur ein Abklatsch davon, nicht so direkt („Was guckst du!“). Ich muß mich damit abfinden, daß ich „gucke“; ich habe keinen Einfluß darauf, was andere wahrnehmen und wie sie es artikulieren. Wer guckt, sieht immer irgendwie blöd aus.

Vielleicht gucke ich hinterher, wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe – gucke einer Dame auf der gegenüberliegenden Straßenseite nach. Ich hab ja nichts zu tun, während Moreno Blumen abschnüffelt und sich mit jedem Schritt viel Zeit läßt.

Bild: Girl Magnet
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