Archiv für den Monat: April 2011

26. April 2011

Das öffentliche Blaue auf einer Bank

Schwer fällt es an schönen, öffentlichen Orten der Ruhe zur Ruhe zu kommen, auf Parkbänken nur ins Blaue zu schauen oder Leute beim Flanieren zu beobachten, keinen Gedanken an etwas anderes als an den Augenblick zu verschwenden, der gerade ist: ich komme gar nicht bis zu dieser Art Verschwendung, zu der ich mich gelegentlich sehne.

Da sitze ich in Konstanz an der Uferpromenade am See auf einer Bank und horche auf das Plätschern des Wassers und auf die Bläßhühner, oder ich bin im Nymphenburger Park, es scheint die Sonne, die Blumen blühen und ich fange an, an Zeiten zu denken, die ich gar nicht kannte – es könnten meine besten sein! Und dann eilt mir durch das Sichtfeld ein bunter Vogel auf dünnen Beinen und mit in den Kies stechenden Stöcken, es keucht eine halbe Minute später jemand hinter mir vorüber, dann ziehen Räder eines rennenden Kinderwagens eine schleifende Tonspur durch mein Ohr, ein sich trimmendes junges Paar ist im Elterneinsatz, oder ein dürres Menschlein mit Hanteln und Sandsäcken sprintet stählern übers Pflaster.

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6. April 2011

Live ums Leben ticken

Die Zeit der letzten „Live-Ticker“ ist nun schon fast wieder vorüber, sie kommt hoffentlich nicht mehr. Wenn sie wieder kommt, dann klicke ich erneut darauf, nicht minütlich, auch nicht stündlich, aber oft genug, wenn es meine Aufmerksamkeit wieder an Brennpunkte zieht, die mir nahe treten können.

Der „Live-Ticker“ geht langsam vorwärts, gemessen an seiner Tick-Häufigkeit, die neuesten Nachrichten sind wenig beruhigend; was uns erwartet, es wächst heran. Das völlig Unfaßbare und Grauenvolle zeigt mir erst der „Bilderticker“, er läßt mich versinken in Bildumgebungen, die ich kaum ertragen kann, würde ich länger darauf blicken. Da der Ticker eine „Bildstrecke“ ist, bleibt er erträglich, ich klicke weiter, nur um weiterzukommen, an ein Ende, oder ich breche vorher ab; nur nicht verweilen! – gelegentlich mache ich es, dann geht die Fantasie nicht mit mir durch und ab in Fantasiewelten, sondern bleibt stehen und brennt Gedanken aus! Fantasie ist keineswegs Flucht, sondern Notwendigkeit; glücklich wer sie hat!

Sollte ich mir „ausmalen“, was Wirklichkeit werden könnte, würde ich erstarren: Nicht beim Zurückblicken wird man zur Salzsäure werden, sondern beim Vorausschauen.

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1. April 2011

Kopfweh gegen Atomwolke

Heute, Mittwoch, 11h30 wurde mein Kopf so weh, daß ich mich ins Bett legte, um das Wehsein mit Schlaf zu besänftigen. Wer starkes Kopfweh kennt, der wird den Kopf darüber schütteln; Kopfweh erlaubt keinen Schlaf, es pocht dich ins Wachsein zurück, in unerträgliches Wachsein. Mein unerträgliches Wachsein ist zum Teil immer ein metaphysisches, halb wahr halb erfundene Empfindung. Ich möchte aber gerne als so fleißig gelten wie jeder Ottonormalmensch, deshalb drehte ich es so hin, daß mich nach kurzer Zeit ein Telefonanruf weckte. Nach normal belanglosem Austausch von Höflichkeiten erfuhr ich, daß Kollegen des Anrufers gehört hätten, eine Atomwolke werde in einigen Stunden über Deutschland schweben, auch wäre es jetzt schon besser, keinen Fisch mehr zu essen, der komme womöglich aus japanischen Gewässern. Mein echtes Kopfweh war augenblicklich abgetaucht, es blieb das metaphysische. Um einen Überblick zu geben, wie tief es reicht, wenn man so ein elegantes Wörtchen wie »metaphysisch« in einen Satz einflicht, verweise ich auf das Internet (metaphysisch, Synonyme für) – wer nicht nachschlagen will, dem gehen Bedeutungen verloren.

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