Archiv der Kategorie: Schlagzeilenkorso

21. März 2018

Hash-Tag Welt-Poesie-Tag

Poetron Kunstworte

Den Welt-Poesie-Tag will ich nicht versäumen ohne Poesie getextet / geblogt zu haben, dabei ist gerade die Aussicht an so einem Tag wirklich (als Poet) anerkannt zu werden gering; man kämpft schon gegen Poetomaten, die ihre Sache beinah so gut machen wie metafüßische Regentonnen-Lyriker.

Aufmerksam gemacht auf diesen schönen sonnenreichen Welt-Tag hat mich ein Gedicht des Nachrichtenportals heise-online über sich selbst, geschrieben von digitalen Assistenten und Bots mit künstlicher Intelligenz:

  • Ein Abschied dem Depp
  • Die Geliebte streichle.
  • Sie streichle und sie buddle!
  • Ach Heise, gehaßtes Wesen du,
  • Wozu die Welten jetzt ernähren?
  • Die Narrenzeit vergeht,
  • Es streicheln die allmählichen Elektronenhirn,
  • Und ewiger Unfug vergiftet die Seelen!

Das kann in meinem Blog der Denkpausen als guter Beitrag bestehen.

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5. Februar 2018

Mord- & Tod-Einerlei

Hier ist wieder jemand ermordet worden und dort einer niedergestochen, es gab einen Raubüberfall in jenem Dorf, in einem anderen, lese ich, wurde einer zusammengeschlagen, eine Frau wurde zerstückelt und eine in Plastik verpackt. Vorsichtig muß ich sein, vorsichtig leben, damit das Verbrechen nicht zu nahe kommt. Ich höre und sehe was vor sich geht; ich sehe es nicht, ich kann es mir vorstellen. Es geschieht auf offener Straße, das ist das Schreckliche daran. Geschieht es in Kellern, lese ich nichts darüber, es ist nicht erwähnenswert. Einerseits ist es dort noch viel schrecklicher, andererseits ist es dort auch selbstverständlicher.

Über geheime Folterlager und Kellerlöcher kann nicht täglich berichtet werden, will niemand das täglich lesen. Es ist nicht im Tageslicht, nicht im Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit, sondern unmittelbar daneben, im Schlagschatten, in dem wir nichts erkennen, weil uns das Licht noch blendet. Sähen wir nur länger hin, könnten wir sehen wie nicht unser Nachbar, sondern wir selbst in einen Keller verschleppt werden. Dort wird uns bewußt, daß wir aus der Erinnerung unserer Nachbarn verschwinden und in unser »kollektives« Unbewußtsein eingehen, das uns bearbeitet mit allem, was es im Dunkeln anzustellen gibt, das können wir uns gut vorstellen, Krimis zeigen’s im Detail.

Weil wir draußen nicht geschrien haben, nützt uns unser Schreien drinnen nichts.

Worüber berichten unsere Zeitungen? Sie bieten uns lesenswerten Lesestoff für die Kurzweil. Ein Raubüberfall hier, ein Morden da. Hauen und Stechen überall, doch nicht ins Auge und nicht geheim; privat mit Werbung verquirlt, öffentlich-rechtlich und vor aller Augen, dennoch so, daß es nicht weh tut. Mit zwei Augen sieht man angeblich mehr – zeigte das ZDF ihre Infopolitik in einem Werbespot an, und ließ dabei Prominente eine Auge mit einer Hand zudecken, das trifft‘s. Prominente helfen uns, nicht mehr so genau hinzusehen: sie sind Werbung 1) für sich selbst, 2) für Gummibären, Duschgel, oder die fahrende Gurke in Fantasielandschaft.

Prominenten müssen wir folgen, sie lassen uns teilhaben an dem, was wir ihnen ermöglichen: Erfolg. Das ist der Trost auf der Fernsehcouch. Er schmeckt nach: täglich mehr davon.

1. Februar 2018

Des Bewunderers Blickverengung

Der Angriff auf einen Bewunderer von Schönheit hat meinen Blog aus dem Schlaf geweckt. Ihm beizustehen aber ist nicht notwendig, das Thema ist zu groß, zu gesamtgesellschaftspolitisch von Bedeutung, als daß nicht Gewichtige zum Kampf aufrufen. Es geht um Alleen und Frauen und Blumen und wie ihre Beseitigung von einer Fassade, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit im Land gefährden, »das PEN-Zentrum Deutschland und der Kulturrat warnten vor Zensur«, »Kulturstürmer« und »Sprachpolizisten« seien am Werk. Ein Gedicht dringt in die Wirklichkeit ein und Dichtung wird verteidigt – eine schlechte Nachricht für die, die glauben, Gedichte sind nur was für müßige Köpfe. Wir sind doch eine Nation, die auf ihre Dichter hält – (die Denker lassen wir beiseite).

Das auf spanisch geschriebene Gedicht von Eugen Gomringer lautet in der deutschen Übersetzung der Beschwerdeführer*innen:

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10. Juli 2017

Sieben Anfänge für schlechte Zeiten

Man kann aus alten Büchern noch manches ziehen, was Bezug zur jetzigen Jetzt-Zeit hat, zum heutigen Heute, um mindestens einen kleinen Gewinn auf seinem Konto verbuchen zu können – in Zeiten des Minus-Zinses zählt auch schon ein gutes Wort! Es kommt vor, passiert aber nicht oft. Mir ist es passiert. Ich las Denis Diderots »Rameaus Neffe«, um 1760 verfaßt – 2017 gelesen. Da wird man sich fragen: Warum liest einer noch so was? Ich habe mich das auch gefragt, frage mich oft, wenn ich lese: Warum lese ich das? und: Wer liest so was noch? Um eines Tages demonstrieren zu dürfen, was alles von mir gelesen worden ist, welchen Stand der Halbbildung ich augenblicklich erreicht habe, bin ich dabei, mir eine Liste anzufertigen, die ich zum gelegentlichen name-dropping verwenden werde – wenn’s nicht so auffällig ist wie gerade jetzt an dieser Stelle.

»Rameaus Neffe« stand schon lange in meinem Bücherregal, ungelesen, bis ich mir eine weitere Ausgabe gekauft habe, Dünndruck – ich lese mit Vorliebe Gesamtausgaben-Dünndruck von längst verstorbenen Dichtern und Schriftstellern. Ich schlug das neu gekaufte alte Buch auf, blätterte, las einige Zeilen, und blieb hängen, 90 Seiten tief – und las nach der letzten Seite gleich weiter, kam ins nächste Buch, das auf Seite 97 beginnt: »Jacques der Fatalist und sein Herr« – und dieses Buch empfehle ich noch mehr; es ist nicht ganz so alt, es wurde einige Jahre später geschrieben – man kann es auch 2030 noch lesen:

Wie hatten sie einander gefunden? Durch einen Zufall, wie alle Welt. Wie war ihr Name? Was liegt Ihnen daran? Woher kamen sie? Aus dem nächsten Ort. Wohin ging ihre Reise? Weiß man je, wohin man geht? Was sagten sie? Der Herr sagte nichts; und Jacques sagte, sein Hauptmann habe immer gesagt, alles, was uns hienieden an Gutem und Bösem zustoße, stehe da oben geschrieben.

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25. Februar 2017

Wozu bin ich deutsch?

„Was ist deutsch? Irgendwann könnten wir uns vielleicht darüber unterhalten.“

Wenn ein allgemeines Bedrohungsgefühl herangefühlt worden ist, wenn die Bedrohung der (Volks-)Gemeinschaft oft genug besprochen worden ist, wenn wir Verfall um uns herum wittern, ergibt das gewiß eine »Debatte« über unseren »Volkscharakter« – wie oft hab ich schon: Was ist deutsch? gehört! Es wird die Debatte angerührt, die uns in unsere kulturellen Landesgrenzen einsperren möchte – das wäre schon eine Antwort auf die Frage. Daß ich hier so selbstverständlich »bei uns« schreibe, bezeugt, daß der Autor ein Heimatgefühl mit allen andern teilt, die hier sind; innerhalb der deutschen Grenzen hat er, da von deutsch-gebürtigen Eltern geboren, eine stammesgeschichtliche Berechtigung sozusagen als Insider, als Inländer darüber zu reden, mit bald 6 Jahrzehnte währender eigener Erfahrung.

Politisch links Orientierung Suchende mögen eine Debatte über das Wort Deutsch nicht; sie spüren die Schande in den eigenen Knochen noch auf; ein prickelndes Schaudern, ein leichtes Gefühl der Reinheitsglückseligkeit überkommt sie, wenn sie im Klassenfeind ein Deutschsein erkennen, dem sie ihre ganze mitmenschliche Verachtung widmen dürfen.

Deutsche Schande[J. Augstein]

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15. Januar 2016

Rudern im Wörtersee

Rudern

Da sitzen sie in einem Boot, auf offenem Meer oder auf einem See, oder, wahrscheinlicher, einen Meter vom Steg, und schon rudern sie – zurück natürlich; denn eine Richtung kann keiner vorgeben und ein Ziel ist nicht in Sicht. Ob sie beim Zurückrudern an ihre Autoren denken, die am Ufer noch auf festem Boden stehen?
Der Leser hat das Wort, und Marktführer sorgen für seine Mitbestimmung. Der Leser steht auf flat!

Amazon und Lesegeld
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11. April 2014

Populäres Thema: Haltungsschaden

Rätsel in Schlagzeilen lösen sich meist auf, wenn man den Text dazu liest; man bekommt im geringsten Aufklärungsfall einen Hinweis, worin das Rätsel besteht.

Maler gibt weiter Rätsel auf

zieht mich aus Berufsgründen an: Ich male (Sie malen? Ich auch! Wollen Sie es sich ansehen?). Ungern nehme ich Themen zur schriftlichen Meinungsäußerung an, die im Wohnort meiner Zweitwahl bitter und heiß beredet werden. Man hat mir berichtet, daß so etwas geahndet wird – »über deeen schreiben wir nicht!!! Der will nur Aufmerksamkeit!« Man kann weinen, schreiben und betteln, aber es hilft einem nur Verzweiflung über die strafende, schreiend ungerechte Nichtbeachtung hinüber. Dabei bedauert ein Großteil der lesenden Deutschen Bevölkerung, daß die »Mainstream-Medien« über so vieles ganz und gar nicht schreiben, daß diese »Mainstream-Medien« Mitläufer seien, gelenkt von Kräften, über die man sich nur in Foren ausgiebig unterhalten könne, weil nicht gesagt werden dürfe, was keiner einem verbietet zu sagen. Man hält sich die Hand einfach so vor den Mund und verbreitet dann schon das Geheime, das jeder sich denkt, dem das Wort Kompliziert zu kompliziert ist und nach Gehirnwindungen klingt.
Achtung Redaktionen: worüber ihr gar nicht schreiben wollt, das diskutieren die Leser am meisten.

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23. November 2013

Als Humorkenner in der Witzfalle

„Eva-Maria aus dem Saarland folgte dem Aufruf und erzählte, wie ein harmloser Facebook-Flirt hässlich endete.“
So begann ein Artikel, den ich nicht zuende las, da ich es nicht mehr ertragen kann, wenn die Schöne auf den Häßlichen trifft. Der Tod und das Mädchen, die Schöne und das Biest, Lady Gaga und die Kunst – nichts mehr für meine Ästhetik. In meinen Notizen steht dazu noch: „Folge 1 der Sommerloch-Serie“, was ja nur von mir selbst stammen kann. Wenn das „Sommerloch“ das Strickmuster aufreißt, wenn alle Politiker in Badelatschen über den Strand watscheln, kein Taifun in Sicht, kein Hoch Ursula mit keinem Tief Herbert ringt, kein Erster Toter vermeldet werden kann, ist das Schreibnotprogramm angeknipst, dann gibt’s Rosamunde-Pilcher-Nachrichten jeden Tag. Die Geschichte von Eva-Maria (wahrscheinlich sogar ein falscher Name!) stand im Artikel: Flirtfalle Facebook. Er kam in meine anschwellende Fallensammlung. Nun ist sie inzwischen so groß geworden, daß ich mein Gewissen befreien muß von den Hirnschlingen und krummen, heimtückischen Gedanken und sie als Gedankenpause präsentiere.

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6. September 2013

Augendiagnose des Mondkalendariums

In meinem sehr engsten Freundeskreis gibt es mir sehrsehr teure Menschen, die manches in ihrem Leben nach Vorstellungen ausrichten, bei denen mich mein eiskalter, zersetzender Verstand dazu bringt, mich herablassend, verächtlich, überheblich und besserwisselnd zu äußern. Ich fühle mich dann beleidigt, genötigt und gehetzt (in dieser Reihenfolge). Schließlich setze ich mich hin, übe ein Weilchen Gelassenheit anstatt hitziger Diskussion (gebräuchlicher: Debatte) und schreibe im Zorn darüber folgendes:

Ich lasse mir zum Beispiel keine »Augendiagnose« mehr vormachen. Ich habe sie machen lassen, weil ich auf esoterische, heilswirksame Einflüsterungen und Ratschläge dennoch reagiere. Ich habe dafür bezahlt und etwas bekommen. Der Augendiagnostiker – er kennt selbstverständlich noch weitere Diagnose- und Heilmethoden mit aussageschwangeren Namen, sagte mir unverblümt, mein Körper wäre vermüllt, völlig verschleimt und ich solle keine Bananen mehr essen, eine Reinigung von Grund auf wäre nötig und würde alles wieder in Fluß bringen, Energie fände wieder ihren Weg, Blockaden würden abgebaut. Wie recht der Mann doch hatte. Bananen gehören nicht in unsere Kultur.

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26. Juli 2013

Seisdrum

Im südbayrischen Raum vermute ich das Zuhause einer Formel, die man anderswo gewiß auch hören kann, die aber durch den dort gesprochenen Dialekt nirgendwo auf dieser Welt so sehr Ausdruck ist des vergeblichen Kampfes aller Bemühungen gegen den Lauf des Lebens und des Sich-Dreinfinden-Müssens. Es ist ja schließlich mein eigener Dialekt, und ich weiß deshalb wovon ich rede, und was dahinter steckt. Das ist so. Und so lautet er:
Es ist wie’s ist!

Er kürzt umständliches Reden ab, führt das Jammern als großstädtische Zeitverschwendung vor, und sagt: Gut findet man’s nicht – das soll als Auskunft genügen – und: Ändern steht leider jenseits des Denk- und Machbaren! Es führt aber auch Gespräche ins Stocken, wenn man etwas mehr wissen will von seinem Gegenüber.

Man kann den Satz seufzen. Man kann ihn auch befehlen; dann heißt er: Ende der Diskussion!

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