Archiv der Kategorie: Ohne Kategorie

13. April 2014

Berlin, vielleicht

Als ich das erste Mal Berlin besuchte, hatte man mir empfohlen, eines der Stadtmagazine gleich am ersten Kiosk zu kaufen, um all die kulturellen Angebote, die in einer solchen Großstadt auf einen warten, durchzustudieren und auszuwählen. Das Angebot ist immer so überragend, daß man als ganzer Mensch die Pflicht hat, es im bescheidenen kleinen Teil zu überblicken und wahrzunehmen. Das Versäumte nachholen kann man in der Provinz nicht mehr, die ist außerhalb der Stadtgrenzen Berlins überall, und hört erst wieder vor Paris/London auf.
Berlin, ein Nest
Nun kaufe ich mir seither zuallererst so kleingedruckte Information, daß ich inzwischen glaube, das Kleingedruckte gehöre nicht nur in Miet- und sonstige Verträge, sondern auch zur Subkultur der Stadtmagazine. Noch bevor ich herausfand, daß ich für das kulturelle Mega-Ereignis dieses Jahres (»Ein Kran hebt tonnenschwere Werke in den Gropius-Bau«) zu früh angekommen war, befand ich mich schon in der »Coolness-Debatte«, die in New York angestoßen (»Berlin is over«), die Berliner beschäftigt, die sich mit so etwas beschäftigen. Da wurde ich schon auf der Titelseite belehrt, daß das Wort Cool nun doch wieder cool ist; ich hielt es für aut.

Coolness
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3. Mai 2013

Das Wetter, wann endlich götterdämmert’s!

Über den Umweg der Analyse von Facebook-Plaudereien wurde herausgefunden, nach „Erstellen präziser Kurven“, daß der Mensch „vorhersagbar wie ein Elementarteilchen“ ist. Das sagt Stephen Wolfram, der Teilchenphysiker, der die „Wolfram-Suchmaschine“ erfunden hat, „das Genie [das] seine Rechenwerkzeuge auf Facebook angesetzt“ hat (Spiegel online). Der Mensch wird durch diese präzise Aussage nach langen Jahrhunderten der wissenschaftlichen Zersetzung seines einheitlichen Weltbildes wieder ins halbwegs rechte Licht gerückt, er bleibt zwar nur ein Teilchen, aber er wird immerhin „elementar“. Der sinnsuchende und der moderne, also der religiöse Mensch haben an der Wissenschaft stets beklagt, daß sie ihnen die geistige Welt zerbröselt. Der moderne westliche Mensch sucht seine Mitte nun in der Ganzheit, in der Spiritualität, in Trommelkursen und in Sortimenten von Wohlfühltees (Innere Ruhe, Magenwohl, Glücksmomente, Gönn Dir den fünften Urlaub). Die Wissenschaft ist Mitschuld an der Viel-zu-Vielfalt, sie verschießt den seelischen Mittelpunkt immer weiter hinaus in dunkle Materie, und läßt uns alleine mit geldgierigen Mitmenschen, Börsenzockern, Umweltzerstörern, Waffenhändlern, verrückten Wissenschaftlern, Videoüberwachern und allzumenschlichen Politikern und sofort. Die Erkenntnis unserer elementaren Berechenbarkeit wird nicht nur die Personalisierungsfreunde anspornen zu persönlicheren Anredeformen,bild: sie kann den im Weltall Verlorenen und in der Vielfalt Verirrten wieder nah heran ans Zentrum bringen, fast von Du zu Du mit dem metaphysischen Kern, dem wahren Eigentlichen, dem eigentlich Wahren, zum Scheitelpunkt, an dem sich die reine Information (über unser Verhalten) mit der körperlichen Existenz (im Elementarteilchen) die ungewaschenen Hände reichen.

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20. März 2013

360 Bilder aus Südamerika

bild: 360 Bilder aus Südamerika

360 Bilder einer Reise durch Südamerika. Ohne Titel, ohne Untertitel, ohne Kommentare. Ohne ein- und ausführende Worte. Ohne Begleittext.

3. Juli 2012

Das Sch-Wort zu allem

Nachhaltigkeit ist ein »Gebot der Stunde«, der letzten Stunde vielleicht sogar; wenn ich meinem eigenen Pessimismuschen (getrenntes Ess Zeh Ha) ein kleines Abstellklo in meinem gemütlichen Eigenheim zubillige – dann erkenne ich in dieser abgeschiedenen Stille, daß 5 vor 12 schon längst vorbei ist. Ich habe die Stufe des Post-Pessimismuses erreicht, manchmal glaube ich, es ist bereits lange nach 12 Uhr – und ich habe recht, es ist weit jenseits dieser Endzeitmarke: 20 nach 3!

Nachhaltigkeit heißt zunächst: weniger von allem, dafür aber alles von Dauer und den Gesetzen des natürlichen Verwertungskreislaufes entsprechend: Nichts erschaffen, was nicht wieder verwertet werden kann oder sich selbst entsorgt und übergeht in Gärung, Verwesung und Staub und dann wieder Erde, Humus und Rosen wird. Mit diesem Gedanken sah ich mich schon oft konfrontiert, doch auf völlig neue Weise als mich G aus A in meinem Arbeitszimmerchen besuchte und ich nichts besseres zu tun hatte, als ihn nach den neuesten Ereignissen zu fragen. Ich kenne seine Antworten, verstehe meist den Inhalt gar nicht, denn er handelt von und mit Teilen. Teile, das ist ein sehr allgemeiner Begriff, so kann man ihn erst einmal stehen lassen. G’s Teile haben Namen und Katalognummern, Baujahre, Einsatzgebiete, Fundorte, Lagerplätze und Produktions- und Firmengeschichten, alles hintereinander. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, um was es sich handelt, wenn er erzählt; um einen Motor? ein Getriebe? Porzellangeschirr? Blechschachteln? Zinnfiguren? Plakate oder Schrauben? Nur eines ist sicher: es ist gewiß nichts Neuwertiges.

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13. Januar 2012

Nach Venedig ankommen

Wenn einer eine Reise tut, hieß es einmal, und es war vielleicht wahr, kann er viel erzählen. Man umgeht das heute (2012), indem man Bilder ins Webalbum lädt und die Hausadresse dazu, den Link, an Freunde und Bekannte mailt. Das muß man machen, um unnötiges Gerede über gemachte oder ungemache Reiseerfahrungen zu vermeiden, und man macht es wegen des Zeitdrucks, der auf einem lastet, wegen sich schließender Zeitfenster, durch die man noch schlüpfen muß, und wegen ungeduldigen Termingeschäften, die absolut nicht warten wollen.

Man sortiert die hochgeladenen Bilder gewöhnlich nicht mehr aus, auch das aus denselben Gründen wie oben erwähnt: Jeder soll selbst aus den Regalen eines unermeßlichen Angebots auswählen dürfen; wir sind frei und wollen niemandem etwas vorschreiben. Jeder soll sich selbst ein Bild machen, wenn er die Zeit dazu findet und Lust dazu hat. Meine Bilderstrecke, die noch auf ihre Eindampfung von 500 auf 2 oder 3 wesentliche Inhalte wartet, kommt demnächst – ich bin altunmodisch.

Bild: Venedig-Bild: Venezianischer Maskenmann
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23. Dezember 2008

Krsms überzeugt

Vor ein paar Tagen saß ich für eine Stunde in einem Kaufhaus fest und durfte Kleider beurteilen. Mir wurden Kaffee und Prosecco angeboten, damit mir die langelange Zeit des Wartens angenehm würde. Auf dem Sofa, in dem ich fläzte, lagen Kinderspielsachen und Auslegeware zum Lesen und Betrachten für Männer. Keine Männermagazine im engeren Sinne hielten die Geschäftsinhaberinnen für das männliche einkaufsbegleitende Personal parat sondern lediglich Autoinfolektüren, an denen ausgerechnet ich wenig Spaß finde. Automagazine sind ähnlich zu lesen wie Sportreportagen, sie überraschen selbst den tiefgründigsten Leser noch mit neuen Einsichten – natürlich habe ich, tiefgründiger Leser, ausgerechnet jetzt keine parat; klare und schlüssige Einsichten verschwinden bei mir ziemlich schnell in den Abwasserkanälen, die mein Hirn durchspülen.

Neben dem Sofa stand ein Spiegel; immer wieder erstaunt über das mürrische Gesicht, das drüben in den von mir gesehenen Spiegelwelten lebt und mich ansieht, erkannte ich mich schnell wieder, als es sich im Profil zeigte. Der Satz aus der Zeitung, die ich aufgeschlagen hatte, paßte darauf: Charaktergesicht und seitliches Profil bilden die Schokoladenseiten. Gebildete Schokoladenseiten im Profil, nie zuvor erblickt, nun vor meinem geistigen Auge. Ich kann mir das vorstellen. Eine Seite weiter las ich im Männermagazin: Der aufgeschnittene 15er überzeugt. Autos verstehe ich nicht und Autojournalisten noch weniger, und einen 15er kann ich mir aufgeschnitten nicht vorstellen, einen 17er vielleicht.

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18. Dezember 2008

Reise des Tages: Verirrt in Notizen

Nicht alleine um mich in weltpolitischen Belangen und dem Bereich Vermischtes in meinem Leben auf dem Laufenden zu halten, sörfe ich gelegentlich sondern auch schon mal nahezu den ganzen Tag, so wie heute. Das liegt an den Fundstücken, die zwar nicht immer so interessant sind, daß man daraus Strandgut-Skulpturen bauen könnte, noch nicht mal Sandburgen, aber doch so aufregend die ganz Ruhe zu verlieren. Wenn‘s besonders aufregend ist, weiß ich oft nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ihn mir wieder zurechtzurücken, begebe ich mich auf die lange Reise von Link zu Link – ich wünschte in mir gäb‘s einen »Home-Button«.

Süchtige verirren (?) sich auf pornografischen Seiten und zeigen offensichtlich eine Ausdauer, von der durchschnittlich Aktive nur träumen können. Ich bin weder süchtig noch besuche ich Pornografie, doch in gewissem Sinne könnte man das was ich lese schon als Pornografie bezeichnen, wenn es sich, wie mir Wikipedia erklärt, bei Pornografie wörtlich um »unzüchtige Darstellung« handelt. »Grafie« deutet auf eine bildliche Darstellung hin. Die Darstellungen, die ich finde, behaupten allerdings Klarstellungen zu sein.

Das System Wikipedia habe ich anscheinend verinnerlicht, aber zurecht komme ich damit nicht: am Ende des Tages sitze ich verwirrt vor einem Haufen miteinander verlinkter virtueller Notizzettel – und diese Links sind ziemlich lästig; nach den vielen Klarstellungen, die ich durchlaufen habe, muß ich erst wieder klar sehen lernen.

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4. November 2008

Ein bißchen Orgon

Vor einigen Wochen wurde mein Computer mit Orgon bestrahlt, aus Versehen. Danach hatte er einige Macken, von denen eine Beunruhigung auf mich überging. Nun scheint alles wieder in Ordnung, aber – das ist meine Beunruhigung – ich glaube, es ist nur vorübergehend besser.

Was Orgon ist, kann ich nicht sagen, ich verweise zur wahrhaftigen Information auf das für im Verborgenen reifende Dinge nahezu allwissende Internet. Das Orgon, das ich meine, kam aus einem Orgonstrahler, den mir Manuel freudig präsentierte, als ich meinen Computer an seinen anschloß, um nachzusehen, ob etwas auf seinem Computer nicht in Ordnung sei. Der Orgonstrahler ist nur ein gewöhnlicher, sehr dicker Stahlstab, an einem Ende flach abgeschnitten, am anderen mit einem Kegel, woraus das Orgon strahlt. Ich hielt den Handteller vor den Strahler, wie mir empfohlen wurde und verspürte einen schwachen, kühlen Windzug. Kinder, sagte Manuel, spürten ihn sogleich, Erwachsene zauderten mit ihrer Empfindung. Mit meiner relativ schnellen Reaktion erzeigte ich mich als kindlich Erwachsener. „Damit“, sagte Manuel, „kann man das Wetter ändern – mit einem größeren Strahler natürlich.“ Man muß daher Vorsicht walten lassen!

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28. Oktober 2008

Tschießie Bäikn Naggedd

Wenn ich mit meinem Hund einen Spaziergang mache, haben auch meine Gedanken einen Auslauf. Ich lasse mich dabei von meinem Hund führen, er hat einerseits seine Wege, die er liebt, andererseits ein Gespür für Gerüche am Wegrand. Wir haben Auslauf und kommen wieder zurück, woher wir kamen. Meine Gedanken laufen mit, kehren nur ungern an ihren Ausgangspunkt zurück, sondern beschäftigen sich Zuhause mit dem, was ich vom Wegrand aufgelesen habe.

Moreno, mein Hund, scheint nur Wohlgerüche wahrzunehmen, Begeisterung ist ihm anzumerken. Er hätte den »Cheesy Bacon Nugget«, der an mehreren Plakaten an unserem Spaziergang angepriesen wurde, mit ein paar Bissen verschlungen, wäre er im Rinnstein gelegen. Ich dagegen kaute ihn wieder und wieder, vor mich hinmurmelnd: Tschießie Bäikn Naggedd. Ich übersetzte ihn mir in: Käsiger Speckklumpen. Da verging mir der Appetit, den das verführerische Bild einer schönen Mitnehm-Mahlzeit in mir geweckt hatte. Ich fragte mich, wie das ein Engländer bzw. Amerikaner liest und sieht: ist für ihn ein Cheesy Bacon Nugget ein Käsiger Speckklumpen? Er übersetzt es sich nicht, Käsiger Speckklumpen ist schlicht, was es heißt.

In der Werbebranche käme niemand auf die Idee, uns einen Cheesy Bacon Nugget einzudeutschen. Wer ihn ißt, will auch etwas von seiner cheesigen Kultur mit in sich aufnehmen. Man ißt einen solchen Klumpen nicht an einem schönen Ort, sondern an einem, den man schon kennt, aus Fernsehserien zum Beispiel, wo das Essen kaum eine, die Handlung eine wichtige Rolle spielt. Man beißt in den Klumpen hinein, daß es schmatzende Geräusche gibt; fett und käsig fließt es über die Finger wie im Comic, und schnell ist das Essen beendet, Messer und Gabel (nur ein Stück Papier und Plastik), wandern in den Müll oder ins Gebüsch; und weiter geht’s. Nur mein Hund bleibt hinter mir zurück; er trickst mich aus und frißt zusammen, was er findet. Er liebt käsige Speckklumpen und hat, entgegen meiner schnell zusammengedachten Theorie, noch keine einzige Fernsehserie gesehen. Er liebt alles Fett-Triefende.

28. Oktober 2008

Im Mittelpunkt: Butter- & Muttermilch

Als ich mit Moreno um die Ecke eines Supermarktes ging, an den Abfalltonnen und der kleinen Müllpresse vorbei, an der Anlieferrampe, wo Moreno eine alte Hundedame umhüpfte, fiel mir folgender Titel eines Aufsatzes von Kleist ein, den ich vor langer Zeit gelesen hatte: »über die allmähliche Verfassung des Gedankens beim Gehen«, und dachte, das träfe ja vorzüglich auf diese Abendrunde zu, allerdings ohne daß auch nur ein Gedanke bislang aufgetaucht wäre.

In der Müllpresse verschwanden geräuschvoll Verpackungen, eine lag am Boden vor meinen Füßen: ein Plastikbecher, in dem Buttermilch gewesen war. Buttermilch erinnert mich an Sommer, denn wenn es heiß ist, ist sie mein Durstlöscher. Ist das alles, was es zur Buttermilch zu sagen gibt, fragte ich mich. Ich habe mir die Frage der Bedeutung auch bei wichtigeren Dingen schon mal gedacht und kam stets zu herumzirkelnden Ergebnissen, das heißt: »nichts gewisses weiß man nicht« (sprachlich dialektisch eingefärbt allerdings, nix gwiss woas ma ned). Wenn ich um etwas herumkreise, dachte ich mir, sollte ich versuchen, auf den Mittelpunkt zu sehen. So kam der Mittelpunkt ins Zentrum meiner Gedanken, und dabei der verwegene Gedanke, ob der Mittelpunkt eines Kreises das Essentielle vom Kreis sei, etwa so wie es ein Bestes vom Wasser geben soll, wie man auf einem zeitweise verbreiteten Plakat lesen mußte. Noch mal anders ausgedrückt: Ist alles was nicht im Zentrum liegt nicht von zentraler Bedeutung? Ist alles was außerhalb des Zentrums liegt, nur Drumherum? Was ist der Mittelpunkt alleine, sozusagen ganz für sich betrachtet? Ich versuchte die Bedeutung des ständigen Bedeutungssuchens an der Buttermilch zu erproben.

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