6. September 2013

Augendiagnose des Mondkalendariums

In meinem sehr engsten Freundeskreis gibt es mir sehrsehr teure Menschen, die manches in ihrem Leben nach Vorstellungen ausrichten, bei denen mich mein eiskalter, zersetzender Verstand dazu bringt, mich herablassend, verächtlich, überheblich und besserwisselnd zu äußern. Ich fühle mich dann beleidigt, genötigt und gehetzt (in dieser Reihenfolge). Schließlich setze ich mich hin, übe ein Weilchen Gelassenheit anstatt hitziger Diskussion (gebräuchlicher: Debatte) und schreibe im Zorn darüber folgendes:

Ich lasse mir zum Beispiel keine »Augendiagnose« mehr vormachen. Ich habe sie machen lassen, weil ich auf esoterische, heilswirksame Einflüsterungen und Ratschläge dennoch reagiere. Ich habe dafür bezahlt und etwas bekommen. Der Augendiagnostiker – er kennt selbstverständlich noch weitere Diagnose- und Heilmethoden mit aussageschwangeren Namen, sagte mir unverblümt, mein Körper wäre vermüllt, völlig verschleimt und ich solle keine Bananen mehr essen, eine Reinigung von Grund auf wäre nötig und würde alles wieder in Fluß bringen, Energie fände wieder ihren Weg, Blockaden würden abgebaut. Wie recht der Mann doch hatte. Bananen gehören nicht in unsere Kultur.

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26. Juli 2013

Seisdrum

Im südbayrischen Raum vermute ich das Zuhause einer Formel, die man anderswo gewiß auch hören kann, die aber durch den dort gesprochenen Dialekt nirgendwo auf dieser Welt so sehr Ausdruck ist des vergeblichen Kampfes aller Bemühungen gegen den Lauf des Lebens und des Sich-Dreinfinden-Müssens. Es ist ja schließlich mein eigener Dialekt, und ich weiß deshalb wovon ich rede, und was dahinter steckt. Das ist so. Und so lautet er:
Es ist wie’s ist!

Er kürzt umständliches Reden ab, führt das Jammern als großstädtische Zeitverschwendung vor, und sagt: Gut findet man’s nicht – das soll als Auskunft genügen – und: Ändern steht leider jenseits des Denk- und Machbaren! Es führt aber auch Gespräche ins Stocken, wenn man etwas mehr wissen will von seinem Gegenüber.

Man kann den Satz seufzen. Man kann ihn auch befehlen; dann heißt er: Ende der Diskussion!

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30. Juni 2013

Dokument 12 – Zweiter Ereignisfeldzug

/* KEIN GEDICHT !! - sieht nur so aus ... */

  • I
  • Liebe Freunde der Kakophonie,
  • aus vollem Orchester und mit ganzer Dröhnung verfing sich mein Tag, mein schönster Tag in einem Ich und fing zu verglühen an.
  • (Sternchen vor den Augen im Andromeda-Nebel.)
  • Von mir: nichts mehr.
  • Vor mir: nichts mehr.
  • Hinter mir: nichts mehr. Und nichts weniger.
  • Enttäuschung stand im warmen Regen auf einem Bein.
  • Tränen wurden zu Zähren und großen jugendlichen Gefühlen – ich war: betrogen von Anfang an.
  • Ich begann die Wanderung durch Gütesiegel und klare Herkunftsetikettierungen gegen Unrechtsstaaten.
  • Von Schurken kaufe ich nichts!
  • Es war in der Gesellschaft angekommen: ein positiv bewegtes Bild von erstaunlich gründlicher Ganzheitlichkeit, mit klarem Beuteschema und zweideutigen Aussagen.
  • Eine Hintertür für Hinterhältigkeit und Diffamierung bleibt immer offen.
  • Von Schurken kaufe ich nichts!
  • Die gute Verdauuung ist mein Heiligtum. Mein Darm bin ich.
  • Willkommen in der Krise. Meine gesunde Haut sprach einstmals Bände.
  •  
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3. Mai 2013

Das Wetter, wann endlich götterdämmert’s!

Über den Umweg der Analyse von Facebook-Plaudereien wurde herausgefunden, nach „Erstellen präziser Kurven“, daß der Mensch „vorhersagbar wie ein Elementarteilchen“ ist. Das sagt Stephen Wolfram, der Teilchenphysiker, der die „Wolfram-Suchmaschine“ erfunden hat, „das Genie [das] seine Rechenwerkzeuge auf Facebook angesetzt“ hat (Spiegel online). Der Mensch wird durch diese präzise Aussage nach langen Jahrhunderten der wissenschaftlichen Zersetzung seines einheitlichen Weltbildes wieder ins halbwegs rechte Licht gerückt, er bleibt zwar nur ein Teilchen, aber er wird immerhin „elementar“. Der sinnsuchende und der moderne, also der religiöse Mensch haben an der Wissenschaft stets beklagt, daß sie ihnen die geistige Welt zerbröselt. Der moderne westliche Mensch sucht seine Mitte nun in der Ganzheit, in der Spiritualität, in Trommelkursen und in Sortimenten von Wohlfühltees (Innere Ruhe, Magenwohl, Glücksmomente, Gönn Dir den fünften Urlaub). Die Wissenschaft ist Mitschuld an der Viel-zu-Vielfalt, sie verschießt den seelischen Mittelpunkt immer weiter hinaus in dunkle Materie, und läßt uns alleine mit geldgierigen Mitmenschen, Börsenzockern, Umweltzerstörern, Waffenhändlern, verrückten Wissenschaftlern, Videoüberwachern und allzumenschlichen Politikern und sofort. Die Erkenntnis unserer elementaren Berechenbarkeit wird nicht nur die Personalisierungsfreunde anspornen zu persönlicheren Anredeformen,bild: sie kann den im Weltall Verlorenen und in der Vielfalt Verirrten wieder nah heran ans Zentrum bringen, fast von Du zu Du mit dem metaphysischen Kern, dem wahren Eigentlichen, dem eigentlich Wahren, zum Scheitelpunkt, an dem sich die reine Information (über unser Verhalten) mit der körperlichen Existenz (im Elementarteilchen) die ungewaschenen Hände reichen.

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20. März 2013

360 Bilder aus Südamerika

bild: 360 Bilder aus Südamerika

360 Bilder einer Reise durch Südamerika. Ohne Titel, ohne Untertitel, ohne Kommentare. Ohne ein- und ausführende Worte. Ohne Begleittext.

11. Februar 2013

Wann ist Gemüse tot?

Diese Frage habe ich mir gestellt, nachdem mir ein Freund seine Umstellung auf Rohkost damit erklärt hatte, daß es ihm sofort eingeleuchtet habe, als ihm ein Freund gesagt habe, gekochtes, gegartes Gemüse sei tote Nahrung. Totes ist für den Organismus schädlich. Sein Freund esse nur noch „lebendige Nahrung“: rohes Gemüse und Obst – und, sagte er, er habe sehr gesund ausgesehen. Meine erste Frage darauf war, ob rohes Fleisch auch lebendige Nahrung sei.

Wenn man darüber nachzudenken versucht, wird es komplizierter. Es geht über rohe Gedanken zu rohem Fleisch weit hinaus – und mich treibt es wieder fernab in laue, seichte Altwasser. Denn schon nachdem ich die ersten Zeilen geschrieben hatte, fragte ich mich, ob ich meinen Freund erwähnen sollte. Würde er sich nicht bloßgestellt fühlen, wenn ich auf vielleicht unbewußt sarkastische Weise seine Umstellung und Erfahrung darstellen würde? – Soll ich also die Gespräche mit Freunden verwursten? dachte ich mir. Eine grundsätzliche Frage. Wenn ich weiterhin so verfahre, spann ich die Kränkung fort, würden sich meine Freunde rar machen, ihren Mund verschließen und nur mich mit meinem losen Maul reden lassen; offene Worte würden nicht mehr fallen, nur noch endgültige, man würde im Gespräch darauf warten, daß ich mich selbst bloßstelle. – Das mache ich ja schon. Diese Frage muß vor dem Schreiben geklärt werden, hier und für alle weiteren Schreibereien in diesem Blog.

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8. Januar 2013

Händewaschen ohne Wechselwirkung

Stapeln sich mehr als vier Zeitschriften auf dem Fensterbrett, schalte ich einen Mehr Wissen Tag zwischen meine gewöhnlichen Unwissenheitstage ein. Man kann nur mehr wissen, wenn man mehr Magazine liest. Obenauf liegt das Heft, dem ich mich schon lange widmen wollte, aufgeschlagen auf der Seite mit 5 Tips zum MEHR WISSEN: Händewaschen, Wechselwirkungen, Biofleisch, andere Behandlungsformen und Leitungswasser sind die fettgedruckten Worte im Text, alle zusammen in einem Artikel mit der Überschrift: Abwehrfehler, aber worum geht es bei diesen Worten? Fußball? Keine Zeit! Ich muß mich am Thema abarbeiten, das heißt: Aufräumen. Ich blättere einige Seiten zurück: Mythos Fleisch – wofür es gut ist und wofür nicht. Fleisch zum Essen und wie man es zubereitet. Das Gesicht einer hübschen Dame, gesund ernähren steht ihr auf der Stirn, lächelt mich an; die Dame hat eine Gabel im Mund, und ist wohl gerade dabei erwischt worden wie sie Fleischsaft/soße von der Gabel leckt. Ich will Fleisch! Es ist begehrenswert. Die Dame steht für Zubereitung und Beilage, während der Mann auf der folgenden Seite eine Kraftquelle ist und Qualität verbürgt: er scheint Sportler zu sein, er schwört auf Fleisch wegen des hohen Eiweißgehalts. Fleisch wird angeraten, solle man essen, aber es solle nur die Beilage sein. Das erscheint mir nicht richtig männlich. Habe ich doch den Sommer lang alles übers Grillen gelesen, hätte herausfinden können, welcher Grilltyp ich wäre, welcher Grill am besten geeignet für mich sei, und wo’s die größten Grillpartys der Welt gibt.
bild: Schwein am Grill
Nichts habe ich gegrillt, nicht einmal eine Weißwurst. Jetzt weiß ich alles über Fleisch: es muß frisch sein; jung wenn es ist, dann bedeutet das was anderes.

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9. Juli 2012

Gebeutelt – Erster Ereignisfeldzug

/* KEIN GEDICHT !! - sieht nur so aus ... */

  • Mein Hosenbund hatte einst 22 Mitglieder. Ich war oft dabei und mittendrin!
  • DABEISEIN
  • wurde ganzganzganzganz
  • groß bei mir geschrieben.
  • Und ich vergas, was ich nicht wußte, niemand konnte es mir wiederbringen.
  • Zum Hurra-Schreien war das leider nicht und zum Fahne-Zeigen auch nicht geeignet.
  •  
  • „Arbeit ist großartig, schrie ich schon frühmorgens nach dem Zubettgehen.
  • Fünf Worte, die fürchterliche Folgen hatten – man darf es sich ausmalen, nur nicht zu bunt, nur das nie nicht!
  • Doch heute saß ich alleine mit mir herum, grün hinter den Ohren, Strohrumwitwer, verkatet, verbeutelt, zerknaatscht,
  • absolut und relativ zufrieden und
  • unterhielt mich prächtig mit
  • – – semmelknödelweichen
  • – – weißwurstkesselwarmen
  • – – haferschleimfeuchten
  • Philosophiehappen über das Leben und
  • seine Begleitumstände und:
  • Wieso überhaupt Sterben?
  •  
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3. Juli 2012

Das Sch-Wort zu allem

Nachhaltigkeit ist ein »Gebot der Stunde«, der letzten Stunde vielleicht sogar; wenn ich meinem eigenen Pessimismuschen (getrenntes Ess Zeh Ha) ein kleines Abstellklo in meinem gemütlichen Eigenheim zubillige – dann erkenne ich in dieser abgeschiedenen Stille, daß 5 vor 12 schon längst vorbei ist. Ich habe die Stufe des Post-Pessimismuses erreicht, manchmal glaube ich, es ist bereits lange nach 12 Uhr – und ich habe recht, es ist weit jenseits dieser Endzeitmarke: 20 nach 3!

Nachhaltigkeit heißt zunächst: weniger von allem, dafür aber alles von Dauer und den Gesetzen des natürlichen Verwertungskreislaufes entsprechend: Nichts erschaffen, was nicht wieder verwertet werden kann oder sich selbst entsorgt und übergeht in Gärung, Verwesung und Staub und dann wieder Erde, Humus und Rosen wird. Mit diesem Gedanken sah ich mich schon oft konfrontiert, doch auf völlig neue Weise als mich G aus A in meinem Arbeitszimmerchen besuchte und ich nichts besseres zu tun hatte, als ihn nach den neuesten Ereignissen zu fragen. Ich kenne seine Antworten, verstehe meist den Inhalt gar nicht, denn er handelt von und mit Teilen. Teile, das ist ein sehr allgemeiner Begriff, so kann man ihn erst einmal stehen lassen. G’s Teile haben Namen und Katalognummern, Baujahre, Einsatzgebiete, Fundorte, Lagerplätze und Produktions- und Firmengeschichten, alles hintereinander. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, um was es sich handelt, wenn er erzählt; um einen Motor? ein Getriebe? Porzellangeschirr? Blechschachteln? Zinnfiguren? Plakate oder Schrauben? Nur eines ist sicher: es ist gewiß nichts Neuwertiges.

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2. Juli 2012

Gednaken

/* KEIN GEDICHT !! - sieht nur so aus ... */

  • „Die Gedanken sind frei,
  • deklamierte der Dichter und stürzte sich ins eigene Elend,
  • nicht damit, nicht dadurch
  • sondern weil es eben so ist.
  • „Es ist so wie es ist, sagte er, es hat keinen Grund und keinen Boden und keine Aussicht auf Besserung.
  • „Ich möchte weinen,
  • sagte er nicht.
  • „Unnötig,
  • sagte ich, der gerade hoch erhobenen Hauptes aus dem Elend stolzierte.
  •  
  • Ich schnallte den Gürtel enger. Wunderbar! kein Verrutschen der Hose mehr!
  • „Die Gednaken (Gedanken) sind blei,
  • wurde ein weiterer Dichter zitiert,
  • fälschlich von mir.
  •  
  • Das Publikum nahm Abschied vom Applaus.
  • Es gefiel ihm wenig, so verwöhnt war es, daß es schlichte Unterhaltung vorzog,
  • bevor es stillgelegt oder stilgerecht in den Biergarten einzog,
  • mit lauten Bestellungen, Getöse, Gedränge und
  • neuen Gednaken; das gefiel ihm, der dumme Versprecher, der Vorbote war
  • weiterer Gednaken zum Thema Freistildenken: heute und gestern.
  •  
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